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Salzburger Festspiele : Sinn und Sinnlichkeit

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Kapitulation vor dem Bildersturm: Michael Schade als Rinaldo und Anette Dasch als Armida Bild: AFP

Joseph Haydns Oper „Armida“ gilt als eine antiquierte Konstruktion, deren Handlung nicht vom Fleck kommt. Christoph Loys Salzburger Inszenierung widerlegte diesen Vorwurf eindrucksvoll - mit einer Interpretation voller Ausdruckswucht und Formbeherrschung.

          1683 wurden Josef Haydns Urgroßeltern im burgenländischen Hainburg von der türkischen Soldateska erschlagen. Genau hundert Jahre später komponiert Haydn eine Oper über den ersten Kreuzzug zur Eroberung Jerusalems unter Gottfried von Bouillon: Es gilt, die Muslime zu besiegen. Doch nach einem strahlenden christlichen Helden sucht man in Haydns Adaption der populären Episode aus Torquato Tassos Epos „Gerusalemme liberata“ vergebens.

          Das Stück ist ein Endspiel. Es beginnt mit der Krise und endet im Krieg. Drei Akte lang versucht der brave Kreuzritter Rinaldo, einst stolzester aller Kämpfer in Gottfrieds Heer, sich aus dem Liebesbann der sarazenischen Zauberin Armida zu befreien: durch Argumente, in vergeblichen Selbstappellen, schließlich mit dem Hackebeil. Er schmachtet, er weint, er schämt sich. Er sieht sein ganzes Inneres einstürzen. Währenddessen rennen um ihn herum die verfeindeten Heere in strammer, hypermotorischer Emsigkeit über die Bühne wie wild gewordene Ameisenhaufen.

          Ein antiquiertes Opernkonzept?

          Zwei vermeintliche Schwächen meinte man an Haydns „Dramma eroico“, der letzten Oper, die er als Opernkapellmeister am Schloss Esterháza schrieb, von der Warte hoher dramaturgischer und kompositionsgeschichtlicher Kennerschaft aus üblicherweise hervorheben zu müssen: Die Handlung der „Armida“ komme nicht vom Fleck - und ihre Musik bediene, so wunderschön sie im Einzelnen auch erdacht sei, eben doch nur die Konventionen der historisch eigentlich schon antiquierten Opera seria. Dass beide Argumente an der raffinierten musikdramatischen Konstruktion, erst recht an der Ausdruckswucht des Werkes vorbeigehen, konnte man nun in der ersten Opernpremiere der Salzburger Festspiele eindringlich erfahren.

          Sadistische Brutalität: Vito Priante als Idrino und Anette Dasch als Armida

          Christof Loy war klug genug, sich jeder platt aktualisierenden Regietheatermoral zu enthalten. Er widerstand der naheliegenden Versuchung, das Stück mit islamistischem Terror und Nahostkonflikt zu bebildern. Denn Haydn hat sich das historische Thema genuin ästhetisch anverwandelt und es in diesem Akt vollständiger Sublimierung, wenn man so will, auch entpolitisiert. Der zentrale Gegenstand seiner „Armida“ ist weniger der Religionskrieg als die Polarität zweier elementarer Prinzipien, die sich auch als ästhetische deuten lassen. Der irrationalen Sinnlichkeit Armidas steht der ideengeleitete Beherrschungswille des Militärs gegenüber, dessen Rigidität Loy ins Lächerliche zieht, wo er sie nicht als sadistische Brutalität demaskiert.

          Kleine, putzige Marschmusik

          Der Sarazenenkönig Idreno, dem Vito Priante markante Basspräsenz verleiht, ist ein eitler Macho, dessen Anzug auch dann noch perfekt sitzt, wenn er den jungen Kreuzritter Clotarco zu Mus prügelt. Und der prächtig singende Richard Croft ist als Ubaldo, der Rinaldo wieder auf den rechten Weg bringen, das heißt: heim ins kreuzritterliche Heer holen möchte, an den Rollstuhl gefesselt: ein hochdekorierter, blind gewordener Kriegskrüppel. Alle Militärsignale und Marschmusiken aus Haydns Komposition tönen als Fernmusik aus einem auf der Bühne stehenden Lautsprecher. Sie klingen dadurch klein und putzig wie ein albernes Spielzeug.

          Das Schicksal Rinaldos zeigt, was passiert, wenn eine Versöhnung von Sinnlichkeit und Verstandesmacht nicht gelingt: Wahlweise liefert man sich den Furien einer aggressiv entfesselten, leiblichen Impulsivität aus, oder man merzt mit roher Gewalt kurzerhand alles Lebendige aus. Michael Schade singt und spielt das mit einer umwerfenden, tragikomischen Intensität und einem schier unendlich scheinenden mimischen wie stimmlichen Nuancenreichtum.

          Kapitulation vor dem Ansturm der Bilder

          Die Musik freilich, und das ist der Witz an Haydns Gebrauch der Seria-Typik, führt vor, wie die Synthese auf geniale Weise zu leisten sei. Sie zitiert das starre Schema dieser Gattung nur, um es im Verlauf der drei Akte zunehmend aufzulösen und in den expressiven Reichtum einer gewaltlosen Formbeherrschung zu überführen. Wie im Traum gleiten in der Zaubergartenszene des dritten Aktes die Accompagnato-Rezitative, Rondoformen, Arien und ausgedehnten Instrumentalabschnitte ineinander: gute fünfundzwanzig Minuten zäsurlos durchkomponiertes Musikglück. Rinaldo sitzt zu alledem wie ausgeschaltet mit seinem Hackebeil auf dem Sofa und kapituliert vor dem Ansturm innerer Bilder. Er rafft sich auf, um dem Wahn ein Ende zu bereiten, entschlossen, sich und den Zaubergarten ein für allemal auszulöschen. Er leert einen Benzinkanister, zündet mit zittriger Hand ein Feuerzeug an - aber nichts geschieht.

          Die Inszenierung blendet an dieser Stelle die räumlichen Perspektiven ineinander. Waren in dem sparsamen, klug erdachten, aber nicht allzu suggestiven Bühnenbild, um das Dirk Becker die spektakuläre Kulisse der Felsenreitschule ergänzt hat, zuvor noch die verschiedenen Handlungsorte knapp, aber deutlich markiert, so schieben sie sich - Rinaldos Zustand einer heillosen Entgrenzung entsprechend - nun simultan übereinander. Blechbüchsenmarschmusik scheppert aus dem Lautsprecher, die Heere rennen noch einmal kopflos durcheinander und verkeilen sich in wildem Gemetzel, dann ist alles aus.

          Beredtheit, Witz und Originalität

          Der Erfolg des Abends war in entscheidendem Maß auch Ivor Bolton zu verdanken, der Haydns Partitur am Pult des Mozarteum Orchesters Salzburg ein überwältigendes Maß an Beredtheit, Facettenreichtum, Witz und Originalität entlockte und ein ausnahmslos glänzendes Sängerensemble auf Händen trug. Annette Dasch triumphierte als eine Armida, die nicht nur stimmlich, sondern auch darstellerisch bezauberte. Mojca Erdmann stand ihr an sopranistischen Bezirzungskünsten in der Rolle der sirenenhaften Zelmira in nichts nach.

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