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Italienische Widersprüche : Utopien unter Hausarrest

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In Ivrea wird die Utopie des 20. Jahrhunderts unter Denkmalschutz gestellt wird. In Riace ist das anders. Bild: EPA

In der italienischen Gemeinde Riace funktioniert die Integration von Migranten seit Jahren hervorragend. Zu hervorragend für den Geschmack von Innenminister Matteo Salvini, der deshalb den Bürgermeister verhaften ließ.

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          Die italienische Kleinstadt Ivrea wird Weltkulturerbe, der italienische Kleinstadtbürgermeister Domenico Lucano wird verhaftet: Es gibt kein besseres Bild für das, was gerade mit Italien und Europa passiert, als diese beiden Meldungen.

          In beiden Fällen geht es um gebaute Utopien, um Orte, an denen ein neues Gesellschaftsmodell in die Tat, in einen Raum umgesetzt wurde. Im vergangenen Juli wurde Ivrea zu Italiens 54. „World Heritage Site“ erklärt.

          Die Kleinstadt bei Turin ist die Heimat des Büromaschinenherstellers Olivetti, dessen Patron Adriano Olivetti hier nicht nur einen maximal effizienten Industriestandort errichten, sondern, so die Welterbe-Begründung, „eine Industriestadt des zwanzigsten Jahrhunderts als humanistische Utopie“ bauen wollte: eine Idealstadt für eine neue Form von Gemeinschaft mit lichten, hellen Fabriken, höheren als den üblichen Löhnen, vorbildlichen Wohnhäusern für die Arbeiter und Bildungseinrichtungen, die auch deren Kindern einen Aufstieg ermöglichen sollten.

          Die Vergangenheit feiern

          Die Auszeichnung von Ivrea wurde, wie italienische Medien meldeten, besonders laut von der populistischen, europaskeptischen „Cinque Stelle“-Bewegung gefeiert, die seit Juni zusammen mit der Lega die italienische Regierung stellt und in Ivrea die wahren Werte einer solidarischen „Comunità“ realisiert sieht. Vergeblich sucht man im Programm der Partei dagegen Antworten auf die Frage, wie heute eine ähnlich wegweisende Idealstadt aussehen könnte, die Lösungen für die aktuellen Fragen – Zukunft der Arbeit, demographischer Wandel, Migration, neue Formen der „Comunità“ – bietet.

          Was nicht heißt, dass es solche Orte in Italien nicht gäbe: In Kalabrien etwa liegen die Ortschaften Riace und Camini, die vor einem Vierteljahrhundert noch vom Aussterben bedroht waren. Die jungen Leute verdingten sich als Gastarbeiter in Schwaben, Läden und Cafés machten dicht, Ende der neunziger Jahre brach die Infrastruktur zusammen. In dieser Situation beschloss der Bürgermeister von Riace, Domenico Lucano, Geflüchtete aufzunehmen. Sie renovierten die leerstehenden Häuser, öffneten neue Läden, reparierten den Ortskern – und plötzlich war auf dem Marktplatz unter der gigantischen alten Pinie wieder Leben, die Cafés waren voll, die Schulen auch, wo Kinder aus Afghanistan und Syrien, Pakistan, Etritrea und Äthiopien gemeinsam lernten und spielten.

          Auf eine paradoxe Weise verwandelte sich Riace einerseits in etwas ganz Neues, nämlich in ein globales Dorf, in dem Kinder von afrikanischen Eltern Italienisch und italienische Rückkehrer perfektes Schwäbisch sprechen – und andererseits in ein italienisches Idealdorf, wie es ganz früher mal aussah: voller Kinderlärm und Werkstattgeräusche, Bäckerei- und Kaffeeduft, wie man es nur noch selten findet.

          Riace wurde zum Modell dafür, wie große Mengen von Migranten eine bestehende Community nicht bedrohen, sondern bereichern können, Lucano bekam einen Preis nach dem anderen, einige forderten einen Nobelpreis für diese Utopie. Nicht so der neue italienische Innenminister Matteo Salvini: Vor einigen Tagen ließ er Domenico Lucano wegen „Begünstigung illegaler Einwanderung“ verhaften. Seitdem steht die Utopie des zwanzigsten Jahrhunderts in Italien unter Denkmalschutz, die des 21. Jahrhunderts unter Hausarrest.

          Niklas Maak

          Redakteur im Feuilleton.

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