https://www.faz.net/-gqz-75iq9

Salomon Korn zum Fall Augstein : „Das Wiesenthal-Zentrum kennt die deutschen Verhältnisse nicht“

  • Aktualisiert am

Er nimmt Augstein in Schutz: Salomon Korn Bild: dapd

Für Salomon Korn ist Jakob Augstein kein Antisemit. Im Gespräch erklärt der Vizepräsident des Zentralrats der Juden, warum er den Verleger vor dem Vorwurf des Wiesenthal-Zentrums in Schutz nimmt.

          3 Min.

          Jakob Augstein wurde vom amerikanischen Simon-Wiesenthal -Zentrum auf die Liste der zehn gefährlichsten  Antisemiten der Welt gesetzt. Sie haben Augstein gegen diesen Vorwurf verteidigt. Was hat Sie dazu bewogen? 

          Zunächst glaube ich, dass das Simon-Wiesenthal-Zentrum nicht besonders gut informiert ist über die Verhältnisse in Deutschland. Das Zentrum hat sich in diesem Fall nur auf das verlassen, was der Publizist Henryk Broder ihm gesagt hat, ohne sich Gedanken zu machen, ob das zutrifft.

          Woher kommt dieses Informationsdefizit. Ist es nicht überraschend?

          Ich habe das Zentrum einmal besucht, es liegt in Kalifornien. Das Zentrum ist recht klein und nicht besonders gut ausgestattet. Es trägt einen bekannten Namen, als Institution selbst kommt es aber nicht an das Renommee seines Gründers Simon Wiesenthal heran.

          Das Zentrum bezieht sich in seiner Wertung auf Augsteins Kolumnen bei „Spiegel Online“. Augsteins Israelkritik richtet sich hier vor allem gegen die Besatzungspolitik. Er bezeichnet Gaza als „Ort aus der Endzeit des Menschlichen“, als Lager und Gefängnis, in dem Israel seine Gegner ausbrüte. Daneben kritisiert er eine Gruppe ultraorthodoxer Juden, die er in die Nähe islamischer Fundamentalisten rückt. 

          Da überzieht Augstein deutlich. Es ist nicht so, dass Israel seine Nachbarn bedroht hat wie der Iran. Israel hat zwar einen kalten Frieden mit Ägypten und mit Jordanien, aber es ist nach wie vor völlig unsicher, wie die Zukunft des Landes aussehen wird. Man darf nicht vergessen, dass Israel das einzige Land auf der Welt ist, dessen Existenz nicht vorbehaltlos anerkannt wird.  Da gibt es manche Dinge, die für uns Westeuropäer extrem klingen, und die der außergewöhnlichen und existenziell bedrohlichen Situation geschuldet sind.

          Immunisiert diese besondere Gefährdungslage das Land gegen Kritik im Einzelnen? Rechtfertigt sie auch die konkrete Kritik Augsteins an der Besatzungspolitik und der teilweisen inneren Radikalisierung?

          Bis zu einem gewissen Grade ja. Aber Israel hat ja den Gazastreifen auch verlassen, nachdem es ihn besetzt hatte und ihn seither nur gelegentlich angegriffen. Man hat es ja zuletzt beim wochenlangen palästinensischen Raketenbeschuss aus Gaza erlebt.  Es gibt wohl kein Land in Europa, das so lange damit gewartet hätte, Abwehrmaßnahmen einzuleiten. Wenn hier in Europa eine ähnliche Situation einträte, würden die Europäer ganz anders reagieren als sie das im Fall Israels tun.

          Was sagen sie zu Augsteins Kritik an der Gaza-Politik und der Rolle der ultraorthodoxen Juden?

          Da kennt Herr Augstein einfach die Verhältnisse nicht. Es gibt keine ultraorthodoxen Juden, die wie islamische Fundamentalisten ausgezogen sind, der Welt die eigene Kultur aufzuzwingen. Das ist es ja, was der radikale Islam anstrebt. Insofern ist das ein vollkommen verfehlter Vergleich. Gleiches gilt für den Gaza. Ich weiß nicht, ob Augstein schon einmal in Gaza war. Es sind dort sicherlich keine  schönen Verhältnisse. Aber er sollte nicht vergessen, dass die Hamas hier eine Politik betreibt, die darauf aus ist, diese Verhältnisse künstlich aufrecht zu erhalten. Das scheint Augstein nicht zu wissen.

          Was zeigt der Streitfall über deutsche Israelkritik im Allgemeinen?

          Der Kern des Problem ist, dass aus Deutschland immer sehr lustvoll an Israel Kritik geübt wird. Es geht  hier um Schulddruckentlastung. Israel wird in diesem Fall zum Tätervolk. Das führt zur Entlastung der Deutschen und der deutschen Geschichte, in der die Deutschen die Täter waren. Hier wird eine Umkehrung vorgenommen. Es scheint mir eine sehr lustvolle Entlastungsstrategie zu sein, die zum Teil in die Geschichte der eigenen Familie hineinreicht.

          Ist das Lustvolle an der Kritik die Gegenreaktion auf ein Tabu?

          Nein, das glaube ich nicht. Die Tabuisierung Israels ist herbeigeredet. Israel wird in den deutschen Medien durchaus sachlich kritisiert. Ich konnte noch nicht feststellen, dass es hier ein Tabu gibt. Im Gegenteil: Dieser Vorwurf wird nur vorgebracht, um dieses Tabu um so lustvoller zu durchbrechen.

          Wozu ich hier etwas sagen möchte, ist der Artikel eines  gewissen Christian Bommarius, der in der „Frankfurter Rundschau“ einen Satz geschrieben hat, den ich für ungeheuerlich halte. Es heißt hier: „Es spricht für den deutschen Rechtsstaat, dass Henryk Broder bis heute frei herumläuft.“ Stellen Sie sich das einmal vor! Mit anderen Worten: Wenn er, Bommarius, das Sagen hätte, würde Broder nicht mehr frei herumlaufen in unserem demokratischen Rechtsstaat. In diesem einen Satz zeigt sich, dass hier untergründig Dinge schlummern.

          Wie beurteilen Sie die Rolle Henryk Broders in diesem Streit, und wie kommt es, dass sich das Wiesenthal-Zentrum auf ihn verlassen hat?

          Das Zentrum kennt die deutschen Verhältnisse wahrscheinlich nicht und beruft sich eben auf einen jüdischen Publizisten, der über Deutschland hinaus bekannt ist und benutzt ihn als seriöse Quelle. Aber offenbar kennt das Zentrum auch nicht die gelegentlich überbordende Polemik des Herrn Broder. Er lebt von der Überspitzung. Man muss  nicht alles wörtlich nehmen, was er sagt. Wenn das Wiesenthal-Zentrum das gewusst hätte, wäre es vielleicht etwas vorsichtiger gewesen.

          Bleibt ein Schaden für Augstein?

          Ich glaube nicht, dass hier für einen der Beteiligten ein großer Schaden entstanden ist. Es geht  Menschen wie Augstein und Broder ja auch darum, publik zu sein. Nicht immer ist der Zusammenhang willkommen, aber es erhöht den Bekanntheitsgrad. Das Wissen die Beteiligten durchaus zu schätzen.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Astra-Zeneca-Ablehnung : Zweifel macht wählerisch

          Der Astra-Zeneca-Impfstoff wird für Menschen über 60 empfohlen. Doch die wollen ihn oft nicht haben und bemühen sich lieber um Impfstoffe von Biontech oder Moderna. Haben die Jüngeren deshalb das Nachsehen?
          Hochhäuser in Frankfurt: Der Blick auf die Bankentürme ist positiv, der auf die Zinsen äußerst negativ.

          Ausweichmanöver : Wie Sparer den Negativzinsen entkommen

          Wenn ihre Bank Negativzinsen einführt, reagieren Kunden sehr unterschiedlich: Die Spanne reicht von Ertragen über Flüchten bis zu allerhand Tricks.
          Im Gespräch: Günther Jauch – hier bei einer Moderation zum 30. Jahrestag der Deutschen Einheit – wundert sich über Hass.

          Günther Jauch über Drohungen : „Ich bin völlig angstfrei“

          Günther Jauch war Werbegesicht einer Impfkampagne, erkrankte dann an Corona – und bekam den Hass von Impfgegnern ab. Ein Interview über seine Erkrankung, unzuverlässige Schnelltests und Pöbler, die sich nicht verstecken.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.