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Salgados Fotoprojekt „Genesis“ : Ein Schimmern wie von poliertem Blei

Wenn das Wetter schlecht ist, bleiben die Familie Nenet und ihre Rentiere mitunter tagelang an einer Stelle. Nördlich des Ob-Flusses, Sibirien 2011. Bild: Sebastião Salgado

Kippfiguren der Natur: Das C/O Berlin zeigt eine Auswahl von Fotografien aus Sebastião Salgados „Genesis“-Projekt.

          3 Min.

          Während man durch diese Ausstellung geht, fragt man sich unwillkürlich, welche Gefühle ihre Bilder in vierzig oder fünfzig Jahren auslösen werden. Wird es Trauer sein, der Schmerz der Erinnerung an das, was nicht zu retten war? Oder Genugtuung angesichts der Naturwunder, die überlebt haben? Werden die Aufnahmen des Berggorilla-Weibchens mit seinem Jungen aus dem Virunga-Nationalpark in Ruanda, der Affenbrotbäume auf Madagaskar, deren Blüten von einer bedrohten Lemurenart bestäubt werden, oder der See-Elefanten auf den Inseln im Weddellmeer nur noch Gedächtnisbilder sein, letzte Grüße einer verschwundenen Art – oder Ikonen einer Anmut, die gegen alle Wahrscheinlichkeit erhalten blieb?

          Andreas Kilb
          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Denn was immer man über Sebastião Salgados Fotografien sagen kann–- und es ist viel über sie und auch gegen sie gesagt worden –, sie sind nicht zeitlos. Sie spiegeln keine ewigen, überzeitlichen Phänomene, sondern Menschen und Dinge im Sturm der Geschichte; nicht das Bleibende, sondern das Vergängliche. Das gilt für sein jüngstes Projekt „Genesis“, das jetzt in einer Auswahl im C/O Berlin am Bahnhof Zoo vorgestellt wird, ebenso wie für seine früheren Aufnahmen von Minenarbeitern in Brasilien, brennenden Ölfeldern in Kuweit oder Bürgerkriegsopfern in Ruanda.

          Von hier aus geht es abwärts

          Im Fall von „Genesis“ aber wird der Gegensatz zwischen dem, was Salgado zeigt, und der Art, wie er es zeigt – in schimmernden, schwarzweißen, überwältigend schönen und harmonischen Bildern –, noch dadurch verstärkt, dass das, was der Fotograf im Lauf von neun Jahren für sein Projekt aufgenommen hat, tatsächlich das scheinbar Ewige und Bleibende ist. Eisberge im Südpolarmeer. Gletscher in Patagonien. Flusstäler in Kanada. Salztümpel in Namibia. Wälder auf Madagaskar. Und dazu die Fauna dieser Naturparadiese: Robben, Albatrosse, Karibus, Elefanten, Paviane, Krokodile.

          Die Südkaper aus der Familie der Glattwale navigieren mit ihren Schwanzflossen. In den Buchten an der Valdés-Halbinsel in Argentinien suchen sie Schutz. 2004. Bilderstrecke
          Die Südkaper aus der Familie der Glattwale navigieren mit ihren Schwanzflossen. In den Buchten an der Valdés-Halbinsel in Argentinien suchen sie Schutz. 2004. :

          Aber schon beim Betrachten der Tiere auf den Fotos vor den blau, mattgrau oder aubergine getönten Stellwänden im C/O Berlin kommt etwas ins Spiel, was man das Vanitas-Bewusstsein unserer Zeit nennen könnte. Die Natur auf diesen Bildern ist ja gerade keine unberührte. Sie ist eine Kippfigur. Von hier aus führt der Weg endgültig abwärts, oder das Drama der Erde nimmt wider Erwarten doch eine andere Wendung. Wo Salgado gewesen ist, werden auch andere hinkommen oder waren schon da. Achthundert Berggorillas gibt es noch im Virunga-Park und ein paar tausend Nashörner in den Steppen Afrikas. Und wie viele Köpfe zählt heute wohl der Stamm der Zo’é im tiefen Regenwald Amazoniens, den Salgado vor sechs Jahren fotografiert hat? Wie lange werden die nomadischen Korowai noch durch die Bergketten West-Papuas ziehen, die Dinka durch den südlichen Sudan?

          Der Traum, den die Erde über sich selbst träumt

          Die Aufnahmen, die Salgado für „Genesis“ gemacht hat, sind zum Teil schon historisch. Die Zeit rast. Man müsse sich beeilen, wenn man noch etwas sehen wolle, denn alles verschwinde, hat der Maler Cézanne vor gut hundert Jahren gesagt. Salgado hat sich so sehr beeilt, dass er auch Dinge fand, die andere längst entdeckt haben. Die Himba-Frauen in Namibia mit ihren makellosen bronzefarbenen Körpern und die Canyons am Colorado River sehen bei ihm nicht viel anders aus als bei anderen Fotografen. Und dennoch besitzen Salgados Aufnahmen eine Qualität, die sie einzigartig macht.

          Es ist ihr Schweigen. In den Werken auch der größten Reportagefotografen, von Robert Lebeck bis James Nachtwey, ist das Visuelle immer von Synästhesien, von sinnlichen Einbildungen durchsetzt. Man glaubt die Kugeln pfeifen, die Ochsen brüllen zu hören, man hat den Geruch der Straße oder des Dschungels in der Nase, wenn man diese Fotos sieht. Bei Salgado gibt es davon nichts. In dem Dokumentarfilm „Das Salz der Erde“, den Wim Wenders über Salgado gedreht hat, sind seine Fotos mit Musik und Interviewausschnitten unterlegt; in den Räumen des C/O Berlin tritt man in ihre Stille ein wie in eine Höhle. Die Täler, die Buchten, die Eiswüsten schweigen, das Meer und die Möwen scheinen in der Bewegung erstarrt. Der Amazonas, aus großer Höhe aufgenommen, schimmert wie poliertes Blei. Ein Jaguar lauert am Flussufer, reglos, eine gefleckte Statue. Indianerfrauen reiben sich zwischen Palmzweigen mit roter Farbe ein wie Figuren eines gefrorenen Balletts. Dies sind keine Bilder der Realität. Es sind Bilder eines Traums, den die Erde von sich selbst träumt. Der Fotograf hat sie nur dabei ertappt.

          Die Fotografie eines verschwundenen Menschen, schrieb Roland Barthes in seinem Essay über „Die helle Kammer“, berühre ihren Betrachter wie das Licht eines Sterns. Barthes sprach von seiner verstorbenen Mutter. Die Bilder von Sebastião Salgado sprechen von der verschwindenden Schönheit dieses Planeten. In ihnen ist beides, die Kälte und die blendende Helle des Sternenlichts. Andere Fotografen arbeiten mit wärmeren Tönen, Salgado berührt uns mit dem Glanz der Vollkommenheit. Was er zeigt, ist keine Ansicht der Erde am Beginn des neuen Jahrtausends, es ist ihr wahres Gesicht, ihr unumstößliches Zeugnis.

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