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Salafisten in Deutschland : Gesetz und Wahn

Die „Scharia-Polizei“ in Wuppertal ist nur ein PR-Coup gewesen? Durchaus nicht, sie führt vielmehr vor Augen, was die Salafisten sich vorgenommen haben.

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          Sitzen zwei Bärtige vor der Kamera und lachen sich eins. Denn jetzt glauben alle, dass in Deutschland die „Scharia-Polizei“ umgeht. Dabei existiere sie doch gar nicht! „Es gibt keine Shariah Police“, heißt es im Lauftext des Youtube-Videos. War alles nur ein Witz! Die Medien lügen! Und alle sind darauf hereingefallen, die Politiker vorneweg.

          Der eine Bartmann heißt Sven Lau, war früher bei der Feuerwehr und ist Anführer der nicht existenten „Scharia-Polizei“. Er macht einen etwas übernächtigten Eindruck. Der andere dreht groß auf – das kennt man von Pierre Vogel, dem Ex-Boxer und Salafisten-Prediger. Da gehen ein paar seiner „Brüder“ abends durch Wuppertal, tragen orangerote Westen mit dem Aufdruck „Shariah Police“ und raten jungen Menschen, von Drogen und Glücksspiel die Finger zu lassen.

          Was ist dagegen zu sagen, wenn jemand vor Drogen, Alkohol, Tabak, Glücksspiel, Pornographie und Prostitution warnt? Und vor Musik, die keiner braucht? Etwa diesem Rap, der junge Leute kriminell macht? Und was heißt schon Scharia? Scharia, sagt Vogel, sei Bildung, sei, was man esse und trinke, dass man alle Menschen freundlich behandele und fünfmal am Tag bete. Also harmlos.

          Kenntlich gemacht

          Und Polizei? „Wir hätten auch von der Müllabfuhr sein können, für viele Leute“, sagt Sven Lau und grinst. Alles ein Gag, liebe Leute. Und jetzt sollen erstmal alle gut zuhören: Die Muslime würden in diesem Land verfolgt. Und die Yeziden schickten ihnen Morddrohungen. So sei das und nicht umgekehrt.

          Die „Scharia-Polizei“ war aber selbstverständlich nicht als Witz gemeint und ist auch kein PR-Coup der Salafisten. Scharia und Polizei, das sind genau die Begriffe, die zu den Salafisten passen: ein religiöses Gesetz, das für alle gilt, alles staatliches Handeln bindet und keine rationale Begründung braucht und ein Organ, das über dieses Gesetz wacht. Das ist die „Scharia-Polizei“ und das ist die „Scharia-kontrollierte Zone“. Darin bekommt jeder seinen Platz zugewiesen. Für die „Ungläubigen“ wird es allerdings unangenehm, denn sie begehen die Grundsünde, nicht dem Propheten zu folgen.

          Von der Belehrung zum Terror

          Die Schiiten freilich sind für den Salafisten Vogel nicht viel besser, und die muslimischen Verbände in Deutschland schon gar nicht. Schaut man sich auf Youtube an, wie die Salafisten mit den Reaktionen auf ihre Polizeiaktion umgehen, bekommt man deren Hass-Programm in kompakter Form serviert – was zur Auffrischung des Problembewusstseins ganz gut ist. Denn die Herren mit den Bärten reden vom Dschihad, also vom heiligen Krieg – den man bei uns mit der Zunge und mit dem Herzen führen müsse, nicht mit Gewalt.

          Doch ist der Weg von der Belehrung zum Terror, von der Fußgängerzone in Wuppertal zu den Schlachtfeldern im Irak, nicht weit. Das wird spätestens beim nächsten Video deutlich, in dem der konvertierte frühere Boxer gegen die Yeziden hetzt und das Morden der IS-Terroristen in Abrede stellt. Die „Scharia-Polizei“: Wenigstens einmal waren die Salafisten ehrlich und haben sich auf die Bauchbinde geschrieben, was sie vorhaben. Sie werde mit dem Versammlungsrecht gegen sie vorgehen, sagt die Polizeipräsidentin von Wuppertal, der Innenminister verweist auf das Gewaltmonopol des Staates. Das wird die Salafisten nicht erschüttern. Sie folgen einem anderen Gesetz. Mit und ohne Weste.

          Michael Hanfeld
          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

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