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CD-Kritik: Björks „Vulnicura“ : Da kann ich auch gleich einen Stein melken

  • -Aktualisiert am

Bild: Polydor/Universal

Der Sängerin Björk konnte es mit ihrer neuen Platte nicht schnell genug gehen, nachdem sie zwei Monate vor der geplanten Veröffentlichung geleakt worden war. Doch braucht man ihren Beziehungskisten-Soundtrack?

          3 Min.

          Björk hat Musik mit Inuit-Kehlkopfgesang, im Sieben-Viertel-Takt und mit nach dem Vorbild von Naturphänomenen algorhythmisierten Apps geschrieben. Sie ist als blinde Märtyrerin in einem Musical-Film von Lars von Trier aufgetreten und hat in einem Kleid, dessen Schleppe das gesamte Sportstadion und die Zuschauer bedeckte, Olympische Spiele eröffnet. Im Grunde ist ihre multimedial ausufernde Kunst jedoch nur manieristisches Beiwerk. Das absolut prägende Element ist ihr eigenartiger Gesang mit chaotischem Vibrato, der sich nur unzureichend mit ihrem isländischen Akzent erklären lässt. Er klingt, als würde eine Erwachsene Kleinkindsprache imitieren und das Ergebnis auf in wechselnden Geschwindigkeiten leiernden Kassettenrekordern abspielen. Muss man mögen. Sonst ist das, bei aller Bewunderung für Björks musikalische Radikalität, nur kurzfristig erträglich.

          Die Ankündigung, dass Björk ihr achtes Album „Vulnicura“ (Embassy Of Music/Warner, digital: Zebralution) gemeinsam mit Arca aufgenommen hat, war dennoch höchst interessant. Arca ist ein Mittzwanziger aus Venezuela, der elektronische Musik produziert oder vielmehr dekonstruiert. Narkotisierter Hip-Hop, romantische Science-Fiction-Soundtracks und adrenalinpumpende Tanzmusik-Fanfaren erscheinen in seinen Kompositionen wie Erinnerungsfragmente. Diese Collagen klingen so unverbraucht und eindrucksvoll, dass Arca nunmehr erste Wahl ist für High-End-Pop mit Avantgarde-Anspruch. Er hat Songs des eigenwilligen Hip-Hop-Superstars Kanye West produziert und schuf mit FKA Twigs ein sensationell schönes R-&-B-Album. Zu Arcas Stilmitteln gehören leierende Verlangsamungs- und Beschleunigungseffekte, insofern passt er gut zu Björk. Seine dekonstruktive Arbeitsweise bezieht sich allerdings auch auf den Gesang, was die Hoffnung weckte, dass die dominanzsüchtige Stimme der Isländerin auf ihrer neuen Platte ebenfalls eher als verwehte Reminiszenz auftaucht.

          Das Ergebnis ist nun schon zu hören. Björk wurde, wie vor einiger Zeit ihre Kollegin Madonna, offenbar das Opfer von Musikpiraten, die ihre Arbeit illegal verbreiten. Deshalb wurde die Veröffentlichung von „Vulnicura“ kurzerhand um zwei Monate vorgezogen.

          Weniger stimmliche Elfentanz-Pirouetten

          Künstlerisch hat Björk ihre Kontrolle dann doch gewahrt: Das neue Werk wird absolut beherrscht von ihren eigenen, recht naturalistischen Streicherarrangements und natürlich auch von ihrem typischen Gesang. Inhaltlich geht es ganz und gar um die zerbrochene Beziehung der Sängerin zu dem amerikanischen Medienkünstler Matthew Barney. Die Texte sind überraschenderweise gar nicht versponnen, sondern sehr nachvollziehbar.

          Am Anfang waren die Gefühle einfach und schön; später, als man sich mit den jeweiligen Ängsten und Marotten gegenseitig auf die Nerven ging, wurden sie ambivalent, kompliziert und schmerzhaft. Wie das eben so ist. Über die therapeutischen Schritte zur Behandlung der Wunde, vulneris cura, ließ sich offenbar keine Einigung erzielen, deshalb die Trennung. Björk lässt anklingen, dass ihr – der frühere Partner mag da freilich ganz anderer Ansicht sein – der Erhalt der Familie und das Wohl der gemeinsamen Tochter mehr am Herzen lagen. Schöne Metaphern verwendet sie: Der Versuch, mit dem anderen über Gefühle zu reden, sei „like milking a stone“.

          Musikalisch gibt es ebenfalls etliche schöne und interessante Momente; insgesamt jedoch erscheinen Björks epische Lieder – die meisten haben sechs bis zehn Minuten Spielzeit – zäh und emotional redundant. Weniger Violinen, weniger stimmliche Elfentanz-Pirouetten, mehr Straffung und Fragmentierung hätten auch diesem Werk gut getan. Arcas stotternde Beats dürfen dabei nur in dramaturgischen Pausen laut werden, seine viel ausdrucksstärkeren, digital verfremdeten Streicher spielen ebenfalls eine Nebenrolle. Auch die Mitwirkung des britischen Produzenten The Haxan Cloak und von Antony Hegarty (Antony and the Johnsons) als Background-Sänger in einem Stück macht sich kaum bemerkbar.

          Als Therapie gegen Trennungsschmerz setzt Björk übrigens auf die Kraft von Gesang und Tanz, wie der optimistische Schluss von „Vulnicura“ verkündet. Das Plattencover zeigt sie in einem schwarzen Latexanzug mit einem klaffenden purpurfarbenen Spalt auf der Brust. Bunte, federartige Strahlen umrahmen ihren Oberkörper wie ein Heiligenschein und Engelsflügel. Das Bild wird sicherlich noch kulturwissenschaftliche Seminare beschäftigen.

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