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Sabine Rennefanz im Gespräch : Die Generation der tickenden Zeitbomben

  • Aktualisiert am

Wütend: Sabine Rennefanz Bild: dpa

Demnächst beginnt der NSU-Prozess. In ihrem gerade erschienenen Buch analysiert die Autorin „die stille Wut der Wendegeneration“ und sagt: Orientierungslosigkeit ist keine Entschuldigung.

          Frau Rennefanz, in Ihrem Buch „Eisenkinder. Die stille Wut der Wendegeneration“ schreiben Sie, dass Sie das Drama um das Neonazi-Trio Uwe Mundlos, Beate Zschäpe und Uwe Böhnhardt nicht loslasse - auch, weil Sie alle derselben Generation angehören. Was haben Sie mit diesen Menschen gemeinsam?

          Die Erfahrung des Umbruchs. Ich weiß, wie es ist, wenn um einen herum das absolute Chaos ausbricht, wenn Eltern und Lehrer in Hilflosigkeit und Apathie versinken. Die DDR war plötzlich Vergangenheit; dabei war ich sicher, dass die Mauer bis zu meinem Lebensende stehen würde. Selbst wenn man wie ich nicht sonderlich an der DDR hing, blieb ein Vakuum, das gefüllt werden musste. Das macht orientierungslos und anfällig für simple Parolen. Mir selbst erging es ja auch so.

          Sie spielen auf Ihre Phase der Radikalisierung an, als Sie sich fünf Jahre lang einer Freikirche anschlossen und sogar als Missionarin nach Russland gingen.

          Ich fühlte mich unendlich verloren und alleingelassen. Meine Eltern waren mit der neuen Situation überfordert. Wie versteinert nahmen sie die Wende hin, als handelte es sich um eine Naturkatastrophe. Mein Vater verlor seine Arbeit als Schlosser. Plötzlich mangelte es uns an Geld, gleichzeitig haben sich meine Eltern teure Versicherungen aufschwatzen lassen. Als ich dringend Orientierungshilfen gebraucht habe, waren sie mit sich selbst beschäftigt, deshalb habe ich anderswo Halt gesucht. Ich war überzeugt, dass die Freikirche jetzt mein neues Leben sei. Ich war glücklich, fühlte mich aufgehoben. Mir gefiel die gegenseitige Bestätigung, das Affirmative. Man musste nur ein paar Merksätze nachplappern, sich an die Regeln halten, alles war klar und geordnet, viele Gemeinsamkeiten also mit jener Ideologie, die ich bereits kannte.

          Es ist allerdings ein Unterschied, ob man plötzlich mit einer Bibel unter dem Arm durch die Gegend läuft oder sich einer rechtsradikalen Gruppe anschließt und Menschen ermordet.

          Natürlich, keine Frage! Orientierungslosigkeit ist keine Entschuldigung, Menschen zu ermorden.

          Als Sie in den Nachrichten von den Taten der NSU-Terroristen erfuhren, dachten Sie da, dass auch Sie selbst in rechtsradikale Kreise hätten abrutschen können?

          Ja, ich habe tatsächlich darüber nachgedacht. Aber ich lehne Gewalt ab. Ich bilde mir ein, dass ich auf so ganz plumpe „Ausländer raus“-Sprüche auch nicht reingefallen wäre. Wenn mich jemand auf eine intelligentere Art und Weise ins rechte Milieu gezogen hätte: Vielleicht hätte ich mich davon beeindrucken lassen. Trotzdem hätte es eine Grenze gegeben, da bin ich mir zu hundert Prozent sicher. Zschäpe, Mundlos und Böhnhardt sind untergetaucht. Ich habe Zweifel zugelassen.

          Sie begegneten einem Mann, in den Sie sich verliebt haben, der sie gerettet hat.

          Zumindest hat er einen großen Anteil an meinem Bruch mit der Freikirche.

          Beten Sie noch?

          Nein.

          In Ihrem Buch heißt es: „Ich begreife, dass das, was ich an mir und auch an anderen Fällen wie bei Böhnhardt, Mundlos und Zschäpe beobachtet habe, keine vereinzelten Schicksale sind, sondern Teil eines größeren Phänomens, für das es nicht nur individuelle, sondern auch gesellschaftliche Ursachen gibt.“ Verharmlosen Sie damit nicht die Taten der NSU-Terroristen?

          Nein. Aber es hat mich sehr geärgert, dass viele große Medien sofort wussten, weshalb die drei zu Mördern wurden: Die DDR mit ihren politischen und gesellschaftlichen Strukturen war schuld. Dass unsere Generation aber womöglich genauso nachhaltig vom Chaos in der Nachwendezeit beeinflusst worden ist wie von der DDR, kam nirgendwo zur Sprache. Es gibt viele junge Leute, die dieser Umbruch auf Abwege geführt hat, die regelrecht abstürzten. Bestätigt worden ist das übrigens schon vor vielen Jahren von der Historikerin Tanja Bürgel. Sie nennt diesen Zustand der Entfremdung, den viele aus meiner Generation durchmachten, eine metaphysische Obdachlosigkeit, die zu einem verstärkten inneren Druck führe, der sich manchmal in einer Suche nach erlösenden Selbst- und Weltbildern entlädt.

          Weshalb, meinen Sie, suchen wir trotzdem reflexhaft nach einfachen Antworten?

          Selbst heute noch ist das Denken übereinander festgefahren: Die im Osten sind Nazis oder Hartz-IV-Empfänger, sie sind faul und undankbar, und die im Westen sind arrogant. Leider interessieren sich viele Westdeutsche nicht sehr für den Osten, was man schon daran erkennt, dass Studien zufolge 21 Prozent der Westdeutschen noch nie nach Ostdeutschland gereist sind.

          Hassen Sie Ihre Vergangenheit eigentlich immer noch?

          Nein, aber ich bin froh, dass ich nicht mehr sechzehn bin. Ich empfinde es mittlerweile nicht mehr als Makel, Ostdeutsche zu sein. Die Aussöhnung mit meiner Identität hat allerdings lange gedauert und gelang mir erst, als ich mit 28 nach England ging, wo man meiner Geschichte mit Interesse begegnete und ich nicht als Erstes gefragt wurde, ob meine Eltern Stasi-Spitzel waren. Es ist vielleicht kein Zufall, dass ich einen Briten geheiratet habe.

          Worüber müssten wir Ihrer Meinung nach jetzt dringend reden?

          Die Aufgabe unserer Generation ist, darüber zu reden - und zwar besonders mit unseren bislang oft stummen Eltern -, wie die DDR wirklich gewesen ist, wie sie uns geprägt hat, wie uns die Nachwendezeit geprägt hat und was das alles für Deutschland bedeutet. Ich wünsche mir einen ehrlichen Diskurs. Man dachte ja, die Frage Ost oder West würde bei meiner Generation keine Rolle mehr spielen und wir würden die Einigung gewissermaßen vollenden. Leider ist das nicht so, im Gegenteil.

          Manchmal hat man beim Lesen Ihres Buchs den Eindruck, Sie schreiben über eine Generation der tickenden Zeitbomben. Müssen wir uns Sorgen machen, was da noch so alles im Untergrund schlummert?

          Das ist mir zu plakativ, der NSU ist ein Extrem. Aber wenn man den Untersuchungsausschuss verfolgt, was ich tue, und die Herren hört, die damals beim Verfassungsschutz waren, da kann einem tatsächlich angst und bange werden, wen sie noch alles übersehen haben.

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