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Ruth Klüger erste Reich-Ranicki-Professorin : In Reich-Ranickis Namen

Erste Gastprofessorin auf dem Reich-Ranicki-Lehrstuhl: Ruth Klüger Bild: picture-alliance/ dpa/dpaweb

Die Schreckensrührung liegt ihr nicht, die Vergangenheit soll sich schonungslos erhellen: Ruth Klüger wird die erste Gastprofessorin auf dem Reich-Ranicki-Lehrstuhl der Universität Tel Aviv sein.

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          Von Zeit zu Zeit wird der Kaisersaal des Frankfurter Römers zur Außenstelle der Universität Tel Aviv. Hier hat die Hochschule Marcel Reich-Ranicki im Februar 2006 durch die Verleihung eines Ehrendoktortitels geehrt, hier wurde im März 2007 der nach dem Literaturkritiker benannte Tel Aviver Lehrstuhl für deutsche Literatur gegründet. Gestiftet haben ihn die deutschen Freunde der Universität, Spenden von Bürgern und Stiftungen haben seit seiner Gründung das Kapital aufgestockt, aus dessen Erträgen er finanziert wird. Nun kam auch Ruth Klüger in den Kaisersaal, die erste Gastprofessorin, die in Tel Aviv Lehrveranstaltungen geben wird.

          Florian Balke

          Kulturredakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Im Mai nächsten Jahres wird Ruth Klüger in Tel Aviv Vorlesung halten, sie plant, über jüdische Autorinnen in der deutschsprachigen Literatur zu sprechen. In Frankfurt fügte sie hinzu, es gehe ihr darum, den israelischen Studenten die deutsche Sprache und Literatur wieder näherzubringen und sie daran zu erinnern, dass die hervorragendsten europäischen Juden Deutsch gesprochen hätten. Ernst Gerhardt, Präsident der Freunde der Universität Tel Aviv, entgegnete, er sei sich sicher, dass Ruth Klügers Vorlesungen dazu beitrügen, dass die deutsche Literatur in Israel allmählich vielleicht wieder geliebt werden könne.

          Schonungslose Erinnerung

          Nicht als Wissenschaftlerin und Schriftstellerin, sondern als Lyrikerin würdigte Uwe Wittstock die 1931 in Wien geborene Germanistin. „Ruth Klüger ist eine Dichterin und hasst das Ungefähre“, sagte Wittstock mit Hilfe Rilkes und zur lebhaften Freude Marcel Reich-Ranickis, der dankbar war für den Hinweis auf Elemente in Ruth Klügers Werk, die sonst meist unbemerkt blieben. Klüger, fuhr Wittstock fort, bestehe auf der Genauigkeit, die „Schreckensrührung“ liege ihr nicht. Die Schonungslosigkeit der Erinnerung, die der Journalist der neuen Reich-Ranicki-Professorin bescheinigt hatte, demonstrierte diese mit dem Vortrag einiger Passagen aus ihrem in diesem Jahr erschienenen Erinnerungsband „unterwegs verloren“.

          Dass das Gedenken, wie es in einem von Klüger verfassten Gedicht heißt, gegen die guten Sitten verstoße, zeigte die auf Wunsch Marcel Reich-Ranickis gelesene Erzählung von der Entfernung ihrer KZ-Nummer, die Ruth Klüger sich vor einigen Jahren in Kalifornien weglasern ließ. Dem Verlust der Pietät gegenüber den Toten, für die man die Nummer trug, stellt die Autorin dort den Gewinn von persönlicher Freiheit entgegen, der ein nachträglicher Triumph über die Nationalsozialisten ist. „Ich wünschte mir ein paar Jahre mit kurzen Ärmeln in der Sonne.“

          Literatur als Überlebenselixier

          Eine bessere Professorenwahl als die Ruth Klügers sei kaum denkbar, sagte Wittstock. Reich-Ranicki sei zwar einige Jahre älter als Klüger und „definitiv kein Feminist“, ansonsten aber gebe es zwischen dem einstigen Berliner Gymnasiasten und der einstigen Wiener Schülerin, die sich mit der Lektüre von Schillers Dramen und Balladen gegen die allmähliche Einschnürung ihres Lebens behaupteten, viele Gemeinsamkeiten. Die deutschsprachige Lyrik, die Reich-Ranicki im Warschauer Getto tröstete, habe in Theresienstadt und Auschwitz auch Klüger Kraft gegeben.

          Wie Reich-Ranicki habe schließlich auch sie ihr Arbeitsleben der deutschen Literatur gewidmet. Einem Wunsch des Namenspatrons des neuen Lehrstuhls folgte auch Elisabeth Leonskaja, die neben Mendelssohn Beethovens Klaviersonate Nr. 32 c-Moll op. 111 vortrug. „Es waren Literatur und Musik, wie wir sie schöner kaum kennen“, sagte Marcel Reich-Ranicki zum Schluss des Abends. Vom nächsten Mai an wird man Ruth Klügers Stimme auch in Tel Aviv hören.

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