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Ginsburgs Bibliothek : Sprich, Erinnerung!

Die Fotografin Annie Leibovitz signierte ihr Buch „Women“ für eine Vorkämpferin der Frauenbewegung, Ruth Bader Ginsburg. Bild: Bonhams

Die Privatbibliothek der Verfassungsrichterin Ruth Bader Ginsburg wird in New York versteigert. Auch das unscheinbarste Buch kann eine Geschichte erzählen.

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          Seien wir doch ehrlich: So was darf in einem gebildeten Haus fehlen. In der Privatbibliothek von Ruth Bader Ginsburg, die jetzt, auf 166 Lose verteilt, bei Bonhams in New York versteigert wird, standen Rücken an Rücken die Klassiker der älteren europäischen und der neueren amerikanischen Literatur, von Homer bis Thomas Mann („Doctor Faustus“, 1948) und von Salinger bis Tom Wolfe („I am Charlotte Simmons“, mit Widmung des Autors). Die am 18. September 2020 verstorbene Richterin am Obersten Gerichtshof der Vereinigten Staaten hatte in Cornell die Vorlesungen von Vladimir Nabokov gehört; von ihm wird ein Konvolut von fünf Titeln angeboten, zwei Bände dieser Vorlesungen, zwei Ausgaben von „Lolita“ und „The Defense“, kein Gerichts-, sondern ein Schachroman. Aber zusammengeworfen mit Salingers „Catcher in the Rye“ (Erscheinungsjahr 1951, aber mutmaßlich nicht die höchst seltene Erstauflage, leider auch ohne Schutzumschlag) findet sich auch ein Werk aus dem Jahre 1959, das bei anonymer Provenienz direkt in die Grabbelkiste der digitalen Bibliophilie gewandert wäre: „Preposterous Papa“ von Lewis Meyer.

          Eine eingelegte Visitenkarte verrät, wie das von der World Publishing Company in Cleveland verlegte Buch (mit Schutzumschlag) ins Regal von Ruth Bader Ginsburg und ihrem Ehemann Martin kam. Es war ein Geschenk eines Richterkollegen, Robert Henry, des Vorsitzenden des Bundesgerichts zweiter Instanz mit Sitz in Denver. Das Buch war ziemlich genau fünfzig Jahre alt, als es verschenkt wurde, denn Henry amtierte als Vorsitzender des Berufungsgerichts nur von 2008 bis 2010. Man könnte vermuten, dass der Anlass für die Gabe Ginsburgs Besuch in Colorado Springs in 2010 gewesen sein könnte, wo sie eine Rede vor der bei Henrys Gericht zugelassenen Anwaltschaft gehalten hatte. Aber diese Rede hatte Martin Ginsburg verfasst, ein auf Steuerrecht spezialisierter Jurist, der darin launig erzählte, wie seine Frau durch den einzelnen je von ihr übernommenen Steuerrechtsfall ihren „guten Job“ als Bundesrichterin bekommen habe. Sie verlas die Rede, denn ihr Mann war zwei Monate vorher gestorben. Auf der Karte an „Dear Ruth“ vermerkte Henry, dass auch „Marty“ hoffentlich Spaß an dem Buch haben werde, dessen Besitzerwechsel also früher stattgefunden haben muss.

          Ruth Bader Ginsburg am 20. September 2017 bei einem Vortrag im Georgetown University Law Center in Washington
          Ruth Bader Ginsburg am 20. September 2017 bei einem Vortrag im Georgetown University Law Center in Washington : Bild: AP

          Ein antiquarisches, dabei nicht im finanziellen Sinne wertvolles Buch zu verschenken: Darauf verfällt man, wenn man Freunde bedenken möchte, deren Bibliothek im Zweifel besser sortiert ist als die eigene. Henry schrieb denn auch, dass er lange über das richtige Buch nachgedacht habe. Auf Meyer fiel seine Wahl, weil „Lachen für Leib und Seele gut ist“. Lewis Meyer war ein Journalist und Buchhändler in Oklahoma, Henrys Heimatstaat; sein „alberner Vater“ Max Meyer war ein Glückspilz, der auf dem unfruchtbaren Land seiner Ranch 32 Ölquellen fand. Warum gerade dieses vergriffene Memoirenbuch für die Ginsburgs eine Quelle des nie versiegenden Vergnügens werden konnte, musste der Spender in seiner Notiz nicht andeuten. Max Meyer war der einzige jüdische Farmer in Oklahoma und gründete eine Synagoge. Die abenteuerliche Geschichte dieses amerikanischen Originals handelt von Aufstieg und Integration unter den unwahrscheinlichsten Bedingungen.

          Patrick Bahners
          Feuilletonkorrespondent in Köln und zuständig für „Geisteswissenschaften“.

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