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Russlands vergifteter Frühling : Die Dämonen

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Dennoch haben die öffentlichen Proteste die gesellschaftliche Basis aktiviert. Auf der Lokalebene, in etlichen Moskauer Stadtbezirken, errangen Oppositionelle aus der Demonstrantenbewegung Abgeordnetenmandate. Darunter sind viele Studenten, die jetzt die Stadtpolitik mitbestimmen werden. Im moskaunahen Wissenschaftlerstädtchen Tschernogolowka wurde sogar ein Gelehrter, Wladimir Rasumow, zum Bürgermeister gewählt, nicht der Kandidat des „Einigen Russland“.

Die Wahlkommission wollte die Wahl daraufhin für ungültig erklären lassen. Doch nachdem vor der Ortsverwaltung zweihundert Menschen protestierten, befand sie sie doch für korrekt. Auch die jüngste Horrorgeschichte von Polizisten, die in Kasan einen vorbestraften Mann mit einer leeren Sektflasche vergewaltigten, bis er an inneren Verletzungen starb, löste unerwartet heftige Proteste aus. Gut hundert Demonstranten belagerten die Polizeistation. Die Menschen hatten Blumen mitgebracht und Sektflaschen, die sie symbolisch auf den Boden ausgossen. Bald meldeten sich weitere Vergewaltigungsopfer der Kasaner Ordnungshüter. Jetzt soll die Polizeistation aufgelöst werden. Eine Handvoll Beamter befindet sich in Haft.

Militante Frömmler erstatten Anzeige

Die Leitung der orthodoxen Kirche, die mit Unrechtsjustiz und Wahlfälschung keine Probleme hat, versucht unterdessen, die Gesellschaft durch den Hass auf vermeintliche Glaubensfeinde zu konsolidieren. Das Moskauer Patriarchat nahm das Randale-„Gebet“ der feministischen Gruppe „Pussy Riot“, die in der Christi-Erlöser-Kathedrale die Muttergottes anflehte, Putin zu vertreiben, zum Anlass, nicht nur für Handlungen, die jemandes religiöse Gefühle verletzen, härtere Strafen zu fordern, sondern auch für Journalisten, die diese multiplikatorisch und womöglich noch mit Sympathie begleiten.

Nachdem militante Frömmler, die gegen die vier jungen Frauen, die vor dem Kirchenaltar maskiert eine Art Veitstanz aufführten, Anzeige erstatteten, wurden drei der Aktivistinnen eingesperrt. Der Kripo-Chef drohte einer von ihnen, Maria Alechina, bereits an, ihren fünfjährigen Sohn ihren Angehörigen wegzunehmen und zwangsweise in ein Kinderheim zu stecken.

Ein Brief gegen Gotteslästerinnen

Die öffentliche Kampagne führt der im Patriarchat für die Beziehungen zur Gesellschaft zuständige Erzpriester Wsewolod Tschaplin, in dem nicht wenige russische Christen fast den Antichristen erblicken. Der erzreaktionäre Kleriker erklärte im Fernsehen, Gott selbst habe die Mädchen schon verurteilt. Vater Wsewolod tritt für ein aggressives Christentum ein, nicht zuletzt nach den Erfahrungen der Christenverfolgungen nach der Oktoberrevolution. Übergroße Milde sei zumal fürs russische Christentum existenzgefährdend, mahnt er. Die Orthodoxen hätten seinerzeit die Gewalt der Kommunisten nicht dulden, sondern erwidern sollen, ist er überzeugt, und so viele Bolschewiken wie möglich umbringen müssen.

Auch der Tschaplin zugeordnete Rat orthodoxer Gemeinden sieht durch die Eskapaden von Pussy Riot Glauben und Vaterland in Gefahr. Obendrein wird Tschaplin von den Führern des traditionellen Islams und Judentums unterstützt. Das Patriarchat versandte an sämtliche Gemeinden einen Brief, worin die Staatsanwaltschaft aufgefordert wird, die Gotteslästerinnen mitsamt ihrer Komplizen von den Medien wegen Schürens religiöser Zwietracht zu verurteilen - das heißt, zu bis zu vier Jahren Lager. Die Priester wurden verpflichtet, das Schreiben ihren Schäfchen vorzulesen und ihnen die Möglichkeit zu geben, es zu unterzeichnen.

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