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Russlands Venusfallen : Wie angle ich mir einen Millionär?

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Im Praxisunterricht lernt die angehende Sterwa die Kunst der Verführung. Dabei ist es wichtig, das furchtsame Männerherz nicht zu erschrecken. Eine Anfängerin, die im Rollenspiel mit Rakowski herausfinden soll, was er an Frauen mag, fragt ihn unverblümt nach seinem Geschmack. Das sei zu direkt, korrigiert der Experte für zwischengeschlechtliche Chemie, mehr schmeichelnde Töne würden ihre Chancen verbessern. Die gelehrige Nina, die innerhalb weniger Monate zu Rakowskis Meisterschülerin aufgestiegen ist, zeigt, wie es geht. Mit strahlendem Kinderlächeln und klimpernden Wimpern schmiegt sie sich katzenhaft an die Journalistin, die ihr gerade am nächsten steht. Dann demonstriert Nina stolz, wie sie jeden Mann dazu bringe, ihr die Tür aufzumachen. Sie trippelt zum Ausgang, bleibt dort stehen und wendet sich mit einem freudig erwartungsvollen Gesichtsausdruck um, der an einen Hund denken lässt, der gleich eine Scheibe Wurst bekommt.

Wie ein guter Schauspieler muss eine echte Zicke mit ihrer Theaterrolle verschmelzen, um glaubwürdig zu sein. Wie man sich, mädchenhaft schüchtern oder rassig geheimnisvoll, hinsetzt, aufsteht, etwas fallen lässt und dann elegant aufhebt, muss zu Hause weiter geübt werden, bis es in Fleisch und Blut übergeht, erklärt Frau Rakowskaja. Dabei findet jede Frau ihren eigenen Stil. Heute wird der schöne Gang trainiert. Die in Bürokleider oder -röcke gehüllten Moskauerinnen defilieren durch den Saal, die Pumps wie auf dem Catwalk entlang einer imaginären Linie setzend. An ihrer stolzen Haltung und dem sicheren Schritt erkennt man, dass Typ drei an der Reihe ist, die Grazie der reifen Frau. Beim Gang des jungen Mädchens, an dem letzte Woche gearbeitet wurde, tänzelt man leicht und wiegt die Hüften. Die russische Kindfrau, die der väterliche Rakowski besonders schätzt, macht kleine Schrittchen und faltet vor Schüchternheit gern die Hände.

Die Wahl zwischen drei Heiratskandidaten

Rakowski betrachtet seine Zickenschule, die in Petersburg, Jekaterinburg, Kasan und Kiew Filialen hat, als eine Art modernen Benimmunterricht. In vorrevolutionären Zeiten genügte es, höheren Töchtern gute Manieren und Handarbeit beizubringen, sagt der Psychologe, heute müssen sie sich in einer männlich beherrschten Berufswelt behaupten. Dabei sei das Sterwa-Training Gold wert, bezeugen die Kursteilnehmerinnen. Eine kaufmännische Angestellte bekennt, sie sei früher Männern aus dem Weg gegangen, aus Angst, ein fester Freund oder Gatte würde sie unterdrücken und zu Hause einsperren. Jetzt habe sie die Furcht überwunden und überlege, wem von drei Heiratskandidaten sie den Zuschlag geben solle.

Eine Buchhalterin erzählt, von ihrem Chef, dem sie früher scheu aus dem Weg ging, werde sie heute hofiert. Dass Mann und Frau offen mitein-ander konkurrieren, auch um die Vorzüge des Mannseins oder Frauseins, ist wohl eine westliche Errungenschaft, glaubt Fjodor, ein Moskauer Komponist und Musikschriftsteller. In Russland findet nichts dergleichen statt, erklärt Fjodor und erinnert daran, dass das Russische für das deutsche Wort „Auseinandersetzung“ bezeichnenderweise kein Äquivalent hat. Ihm begegnen manchmal Sterwa-Frauen, die durch Schmeichelei und Kindchen-Attitüde ihre Karriere zu fördern versuchen, sagt Fjodor. Die könne er aber nicht ernst nehmen.

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