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Russlands neue Seele : Aufstand gegen die Modernisierung

  • -Aktualisiert am

Moderne Flucht-Inseln inmitten der russischen Archaik: junge Menschen in St. Petersburg Bild: dapd

Die Annexion der Krim ist nur das Symptom für eine Krise, die das gesamte russische Selbstverständnis erschüttert. Was wir in Russland zurzeit erleben, ist ein beispielloser Wertewandel.

          5 Min.

          Ratlosigkeit ist das Hauptgefühl, das einen heute in Moskau trifft. Man sieht freundliche Menschen in einer reichen, entspannten Hauptstadt, die eine bevorstehende Invasion ins Nachbarland und eine bereits vollzogene Annexion besprechen, als sei es eine Hypothek für das Eigenheim. Auf Facebook liest man Berichte ukrainischer Freunde, auf Russisch, versteht sich, die jeden Tag einen russischen Einmarsch erwarten und Truppenbewegungen an den Grenzen nervös auswerten.

          Auf der anderen Seite posten russische Freunde auf Facebook Fotos von Kätzchen, sie philosophieren über Geopolitik und historische Gerechtigkeit aus russischer Sicht (der zufolge die Ukraine kein Staat sein könne, die Krim immer schon russisch gewesen sei und, überhaupt, die Amerikaner an allem schuld sind). Kätzchen, Geopolitik, Frontberichte, die Modetrends dieses Frühlings, wir Russen sind stark und einsam, die Welt ist gegen uns, wieder Kätzchen – so sieht Facebook in Russland momentan aus. Immerhin gibt es das noch: Facebook in Russland.

          Die Wiederentdeckung des imperialen Selbstbewusstseins

          Die Annexion der Krim hat viele Beobachter schon deswegen stutzig gemacht, weil sich dahinter keine langfristige Strategie erkennen lässt. Man vermutet alles Mögliche: geopolitische Ambitionen, den Versuch Putins, Sewastopol als Basis seiner Schwarzmeerflotte um jeden Preis zu behalten, die Manifestation eines zurückgekehrten imperialistischen Denkens, historische Revanche oder gar Sowjetnostalgie. Skeptiker sahen sofort, dass all diese Gründe nicht entscheidend gewesen sein können.

          Während der Fernsehübertragung einer Rede Putins schwenken die Menschen in Sevastopol auf der Krim russische Fahnen
          Während der Fernsehübertragung einer Rede Putins schwenken die Menschen in Sevastopol auf der Krim russische Fahnen : Bild: AFP

          Die Krim ist hochverschuldet, sie ist, was Wasser- und Stromversorgung anbetrifft, von der Ukraine abhängig. Dazu kommt, dass jede russische Militärbasis im Schwarzen Meer nur so lange einen militärischen Nutzen hat, wie das Nato-Mitglied Türkei den Bosporus nicht für Militärschiffe sperrt. Vor allem steht der symbolische Gewinn einer Annexion in keinem Verhältnis zu dem kolossalen wirtschaftlichen und politischen Verlust.

          Eine der möglichen Erklärungen lautet, dass das Krim-Abenteuer vor allem eine innenpolitische Angelegenheit Russlands sei. Diese Annexion ist ein typischer Stellvertreter-Krieg, der angesichts der bevorstehenden Rezession zur Steigerung der Umfragewerte von Präsident Putin ausgelöst worden sei. Sanktionen seitens der Amerikaner und Europäer wurden von der Kreml-Leitung bereits dafür eingeplant, für die sich verschlechternde wirtschaftliche Lage der Russen verantwortlich gemacht zu werden. Tatsächlich, die Umfragewerte von Putin stiegen in den letzten zwei Wochen in Rekordhöhe. Die Russen schwelgen im wiederentdeckten imperialen Selbstbewusstsein, es sieht so aus, als hätte die Menschheit in den hundert Jahren seit 1914 nichts gelernt.

          Komfort-Oasen inmitten der depressiven russischen Archaik

          Baudrillard schrieb in „Transparenz des Bösen“, es werde bald keine Kriege mehr geben, wenn sie fürs Fernsehen nicht interessant seien. Während der Krim-Annexion entstanden perfekte Fernsehbilder einer wiedererstandenen imperialen Macht, mit Hightech-Soldaten ohne Hoheitszeichen und fahnenschwenkender Bevölkerung, wie geschaffen für die Zuschauer in Russland, wie auch schon die Olympischen Winterspiele im Fernsehen das perfekte Bild eines modernen, weltoffenen Russlands darstellten.

          Hier treffen Kulturen aufeinander: Das Bolschoi-Theater in Moskau
          Hier treffen Kulturen aufeinander: Das Bolschoi-Theater in Moskau : Bild: AP

          Der Kontrast beider Fernsehbilder manifestiert einen für Russland typischen postmodernen Eklektizismus. Das Archaische und das Moderne, das Imperium und die Avantgarde waren in der Kultur des Landes schon immer tief miteinander verflochten. Vielleicht war es das Gleichgewicht zwischen diesen beiden Wertesystemen, das die Spezifik des Landes ausgemacht, ihm Wohlstand und eine gewisse Ruhe geschenkt hat.

          „Komfortzone“ ist der wichtigste Begriff, der das Leben in Russland beschreibt. In den Neunzigern fingen die Russen damit an, ihre Wohnungen vor der Straßenkriminalität durch massive Eisentüren zu schützen. Diese Komfortzone wurde langsam vom Privaten auf die Gemeinschaft ausgedehnt, es entstanden Oasen, Inseln der Gleichgesinnten, auf denen man mit klaren Regeln und westlichem Arbeitsethos zu agieren pflegte. Die Inseln schlossen sich zu einem Archipel zusammen, das Lebensniveau stieg, viele lernten, sich in kunstvoller Akrobatik von einer Insel zur anderen zu schwingen, ohne die allgemeine depressive russische Archaik zu bemerken. Die Moderne wurde für sie zum Leitbild, besonders während der Präsidentschaft von Dmitrij Medwedjew. Man sprach von Innovation und Modernisierung als Staatsstrategien.

          Die progressiven Inseln der Kulturelite

          Auch in Wissenschaft und Kunst sah man die neuen Modelle russischer Identität. Auch hier wurden Inseln gebaut, etwa die moskaunahe Innovationsstadt Skolkowo, die zu einem russischen Silicon Valley werden sollte. Zur größten Insel dieser Art wurde die ehemalige Rüstungshochburg Perm am Ural. Dort baute man unter Gouverneur Sergej Tschirkunow ein Museum für moderne Kunst und lud die besten Architekten und Musiker, etwa den Galeristen Marat Gelman und den Dirigenten Teodor Currentzis, ein, um die Kulturlandschaft der Provinz für immer zu verändern; weitere Provinzstädte folgten dem Vorbild. Ich selbst durfte in dieser Zeit eine Konzertreihe auf dem Vinzawod leiten, dem Zentrum für zeitgenössische Kunst in Moskau, ein Projekt, das durch den persönlichen Segen des Präsidenten Medwedjew ermöglicht wurde.

          Sprach von Innovation und Modernisierung als Staatsstrategien: Dmitrij Medwedjew als Präsident
          Sprach von Innovation und Modernisierung als Staatsstrategien: Dmitrij Medwedjew als Präsident : Bild: dpa

          Die Produktionsgesellschaft Opergruppa unter Leitung des jungen Regisseurs Wassily Barchatow brachte meine Oper „Franziskus“ auf die neuen Bühne des Bolschoi-Theaters. Ich erinnere mich an den Empfang nach der Premiere in einem Hinterzimmer des Bolschoi, als ein hochrangiger Angestellter eines Staatskonzerns, der die Inszenierung gesponsert hatte, mit einem Champagnerglas in der Hand vor sich hin philosophierte: „Ihre Musik ist schön und komplex, aber nicht radikal genug. Nehmen Sie sich doch ein Beispiel an Pussy Riot.“ Die Mitglieder der Punkband waren zwei Wochen vor der Opernpremiere zu zwei Jahren Haft verurteilt worden.

          Der Karneval der Modernität

          Am Ende der Medwedjew-Ära wuchsen die Inseln modernen Denkens in Russland fast zu einer Fläche zusammen. Der aufgeklärte Moskowiter oder Petersburger lief durch den modernisierten Gorki-Park auf Schlittschuhen, hörte dabei Morton Feldman und John Cage aus dem Lautsprecher, besuchte eine Inszenierung von Robert Lepage oder Thomas Ostermeier im Moskauer Theater der Nationen, hörte das Klangforum Wien in der Philharmonie oder die Neuen Vocalsolisten im Vinzawod und diskutierte über Politik in einem der exzellenten neuen Restaurants.

          Das traditionelle russische Weltbild geriet ins Wanken. Die aus der klassischen Literatur und westlichen Publizistik bekannte Triade: „böse Macht, leidendes Volk und die für das Volk leidende russische Intelligenzija“ schien nicht mehr aktuell. Das Volk wurde schlicht vergessen.

          Die Macht blieb böse, unterstützte aber Kunst und Musik in einem Ausmaß wie vielleicht nur Mitterrands Kultusminister Jack Lang. Dieser Karneval der Modernität und Weltoffenheit fand in einem Land statt, in dem nur ein Drittel der Bevölkerung eine Fremdsprache beherrscht, achtzig Prozent der Bevölkerung nie die Landesgrenzen überquert hatten. Er endete abrupt, als Wladimir Putin im September 2011 an die Macht zurückkehrte.

          Neues, altes Russland

          Putin verabschiedete sich von der Kulturelite, er begann, diese auszuwechseln. Gleich die ersten Gesten nach Putins Wiederwahl waren prophetisch für seine Innen- und Außenpolitik. Zuerst traf er sich mit den Arbeitern des Panzerherstellers „Uralwagonzawod“ und machte einen der Vorarbeiter, der versprach, gegen die Opposition vorzugehen, zu seinem Vertreter in der ganzen Ural-Region. Alles Weitere ist bekannt. Die Idee der Modernisierung wurde verworfen, Skolkowo nie fertiggestellt, der einstige Gouverneur von Perm, Sergej Tschirkunow, baut heute ein Museum für moderne Kunst – aber nicht in Russland, sondern in Südfrankreich.

          Aufstand des Archaischen – so könnte man die aktuelle Situation in Russland beschreiben. Man wird erinnert an das Serbien der frühen neunziger Jahre oder, mit Abweichungen, an das Amerika von Bush junior, nur sind die Folgen diesmal deutlich weniger vorhersehbar. Die Idee, europäische Inseln des progressiven Denkens und Handelns innerhalb Russlands zu schaffen, scheiterte aus zwei Gründen: erstens, weil sie mit dem autoritären Charakter der russischen Macht im Konflikt stand, die solche Inseln unterstützt hatte. Zweitens, weil die Bewohner dieser Inseln – auch ich – das zutiefst konservative, archaische Russland draußen verdrängt und ignoriert hatten. Das neue Russland, das Wladimir Putin gerade etabliert, verdrängt und ignoriert dagegen den Rest der Welt.

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