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Russlands Männer : Aufzeichnungen aus der Mamagesellschaft

So will es das Klischee: Wer allerdings länger in Russland lebt, entdeckt die andere Seite russischer Männer Bild: Imago

Wer lange in Russland gewohnt hat, der freut sich zwar über die markanteren, gesünderen Gesichter hierzulande – wird aber mit deutschen Männern keine Vertraulichkeiten mehr suchen. Ein Bekenntnis.

          Als ich vor fast 23 Jahren von Frankfurt nach Moskau zog, hätte ich mir nicht im Traum vorstellen können, mit einem dortigen Mann ein vertrautes Verhältnis einzugehen. Den meisten russischen Männern haftet etwas Unfrohes an, schien mir; zugleich mangelt es ihnen an Charakter, an Überzeugungen, an Prinzipien, überhaupt an Form. Was sich etwa darin äußert, dass viele in Diskussionen keine Position beziehungsweise nur die des weisen Zynikers einnehmen und in Gesellschaft vor allem Witze erzählen. Mir ging das auf die Nerven. Es passte, fand ich, zu den häufig unbestimmten Gesichtszügen, den oft teigigen Physiognomien des starken Geschlechts, vor allem aber zu der Sitte, Freuden wie Leiden unbedingt mit Hochprozentigem zu begießen, der, wie eine Verdünnerflüssigkeit, die Gefühle mischt und alle Konturen auflöst.

          Kerstin Holm

          Redakteurin im Feuilleton.

          Die bei Russen verbreitete Kraftmeierei und Gewaltbereitschaft haben als Kehrseite eine prekäre Kindlichkeit. Denn die – oft alleinerziehende – Mutter bereitet sie kaum auf den Ernst des Lebens vor, ebenso wie die Schule, wo weder Sexualkunde noch das Einmaleins des Umgangs mit erpresserischen Amtsinhabern unterrichtet werden. Westliche Ausländer staunen oft, wie gut erzogen und adrett die Kinder im rauhen Russland wirken, wie wenig sie mit den Erwachsenen zu tun zu haben scheinen, in die sich verwandeln sollen.

          Das Leben, ein Kampf

          Russland ist eine Mamagesellschaft wie Italien, nur dass diese Spielart von Unglück geprägt ist, nicht von Daseinsfreude. Die Mama tröstet den von seinen Vorgesetzten malträtierten Ehemann. Kinder werden gegen die Welt der Großen abgeschirmt. Symptomatisch ist, wie Mutter und Kind in der Metro Rolltreppe fahren: Stets steht sie hinter dem Sprössling, den sie schützend sich zuwendet; beide bilden eine kleine Festung. Kindheit ist nämlich die bessere Gegenwelt zur „normalen“. Eltern und Pädagogen, von denen die meisten weiblich sind, träumen nur zu gern die Helden- und Prinzessinnenträume ihrer Schutzbefohlenen mit. Deswegen kristallisiert sich das Selbstfindungsdrama des Heranwachsenden zumeist auch nicht als Ödipuskomplex, im Konflikt mit dem Vater, sondern mit der übermächtigen Mutter, als das, was die Psychologie Klytämnestrakomplex nennt.

          Kein Wunder, dass die kaum volljährigen Armee-Rekruten und Bräutigame in Russland so kindlich aussehen und zugleich ein bisschen wie Sträflinge. Mit ihrem Bürstenhaarschnitt und der kargen Uniform – ob Tarnanzug, ob Nylonsmoking – wirken sie wie schmächtige Anhängsel ihrer nur mit Mühe und notdürftig zu bändigenden Heimat beziehungsweise der allzu blühenden Braut. Tatsächlich müssen die Jünglinge ganz plötzlich Familien führen beziehungsweise unter harten Kasernenbedingungen und oft unter sadistischen Ranghöheren ihren Platz finden, was immer Opfer fordert. Weshalb Mütter ihre Söhne unter Tränen in den Wehrdienst verabschieden, als zögen sie in den Krieg.

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