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Russlands Kulturpolitik : Sterben vor Gericht

Kirill Serebrennikow wartet im Februar auf den Beginn seiner Gerichtsverhandlung. Bild: dpa

Mit einem beispiellos zynischen Gerichtsverfahren gegen Kirill Serebrennikows Gogol-Theater soll die russische Kulturszene in die Knie gezwungen werden.

          3 Min.

          Der leere Stuhl in Cannes, die Ovationen für den abwesenden Kirill Serebrennikow und seinen Film „Leto“ – nachdem der Pressesprecher des russischen Präsidenten Wladimir Putin die Bitte des französischen Außenministeriums, die Ausreise des mit Hausarrest belegten Serebrennikow zu ermöglichen, mit dem Argument zurückgewiesen hatte, die russischen Gerichte seien unabhängig – sind nur die Spitze eines beispiellos zynischen Gerichtsverfahrens, mit dem die russische Kulturszene in die Knie gezwungen werden soll.

          Kerstin Holm
          Redakteurin im Feuilleton.

          In diesen Tagen verfolgte die russische Netzgemeinde mit Entsetzen, wie der frühere Direktor von Serebrennikows Gogol-Center, Alexej Malobrodski, der seit acht Monaten in Untersuchungshaft sitzt, im Gerichtssaal fast einen Herzinfarkt erlitt, wobei die Polizeieskorte ihn grob anfuhr, er solle keinen „Zirkus“ veranstalten. Es ist ein absurdes Theater von höchst realer Grausamkeit, das im Moskauer Basmannyj-Gericht inszeniert und von Freunden und Unterstützern von Serebrennikow und Malobrodski auf einer eigenen Facebook-Seite kommentiert wird. Den beiden und drei früheren Mitstreitern wird vorgeworfen, in der Zeit zwischen 2011 und 2014 staatliche Mittel für die experimentelle Theaterplattform „Sedmaja studia“ veruntreut zu haben. Dass der sechzig Jahre alte Malobrodski der Hauptleidtragende der staatlichen Strafaktion wurde, dürfte Zufall sein. Malobrodski hat nicht so viele prominente Fürsprecher wie Serebrennikow, der kurz nach seiner Verhaftung im vorigen Sommer, die internationale Proteste auslöste, unter Hausarrest gestellt wurde. Dass die russische Justiz anstelle eines durch seine Publizität geschützten Opfers einen ihm nahestehenden Stellvertreter als Geisel nimmt, ist durchaus üblich. 2014 wurde der Korruptionsjäger Alexej Nawalnyj gemeinsam mit seinem Bruder Oleg wegen Veruntreuung verurteilt, aber nur Oleg Nawalnyj bekam eine Haftstrafe.

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