https://www.faz.net/-gqz-7z91v

Russlands Feindbilder : Putin und die Juden

Wladimir Putin und der russische Oberrabbiner Berel Lazar auf der Gedenkveranstaltung in Moskau am letzten Dienstag Bild: AP

Antisemitismus war in der Geschichte Russlands fast immer fester Bestandteil der offiziellen Regierungspolitik. Ausgerechnet der jetzige Präsident hat damit gebrochen. Warum?

          Ein Krüppel war dieses Russland, ideologisch zumindest, und Putin hat es wieder auf die Beine gebracht, das glauben sehr viele Russen. „Wir haben den Stolz wieder, so einen Stolz, wie es ihn nur zu Sowjetzeiten gab. Ja, der Rubel fällt - ach, uns doch egal! Wir hungern, aber sind wenigstens stolz!“, sagt Marina, Akademikerin, Anfang Fünfzig und eine gute Freundin aus Moskau, am Telefon. Marina erzählt von Menschen in Supermärkten, von rasenden, verzweifelten, tobenden Menschen - die Preise für einige Lebensmittel haben sich in Moskau verdoppelt. Sie erzählt auch von den vielen neuen Verhaftungen russischer Oppositioneller und dann von der Krim. „Putin spielt da jetzt mit neu konstruierten Feindbildern rum, so kreativ, wie ein Kind mit seinem Lego“, sagt Marina zum Abschied und meint damit die Durchsuchung des krimtatarischen Senders ATR. Am Montag verwüsteten russische Spezialeinheiten sieben Stunden lang die Fernsehsenderzentrale in Simferopol.

          Anna Prizkau

          Redakteurin im Feuilleton.

          Putin imitiert fast jede Taktik fast jedes sowjetischen Staatschefs. Nach Wladimir Wladimirowitschs Direktive erfinden die Köpfe im Kreml deshalb auch einen neuen Feind nach dem anderen. Am liebsten instrumentalisieren sie Minderheiten. Früher waren es Tschetschenen, dann Georgier, später Gastarbeiter aus den ehemaligen Sowjetstaaten und danach Homosexuelle. Nur den Hass auf die Juden, der in Russland jahrhundertelang leben durfte und immer noch lebt, schürte Putins Kreml niemals. Warum? Vielleicht gibt es da doch noch einen gerechten, guten und philosemitischen Fleck im Herzen von Wladimir Putin. Denn der Mann, der schon zu jedem denkbaren Feindbild gegriffen hat, rührte dieses eine nie an.

          Hauptsache, man erinnert sich

          Dabei wäre es einfach, gerade jetzt, gerade in diesem Russland, in dem die Tradition des politischen Antisemitismus so alt ist. Iwan der Schreckliche, Katharina die Große und auch fast alle anderen Zaren regierten mit staatlichem Antisemitismus das Land. Und dann kam der sowjetische Judenhass, der sich bis heute noch in sehr vielen ex-sowjetischen Köpfen versteckt. Zu lange wurden die Menschen dazu erzogen. Zuerst war es Stalin, der die halbe jüdische Intelligenzija hinrichten ließ und immer wieder antijüdische Kampagnen inszenierte. Dann Chruschtschow, der sich die antisemitische Initiative „Wirtschaftsverbrechen“ ausdachte, um von der schlechten ökonomischen Lage des Landes abzulenken. Später auch Breschnew, der antisemitische Propagandisten bezahlte, antisemitische Propaganda zu schreiben.

          Doch über diese Verbrechen redet man heute in Russland genauso selten, wie über die Quoten für Juden in Schulen und Universitäten, die es in der Sowjetunion sehr lange mal gab. Vergessen ist auch, dass das Ausmaß des Holocaust in der UdSSR jahrzehntelang verschwiegen wurde, um die Antisemitismuspolitik aufrechterhalten zu können. Erst seit den neunziger Jahren gibt es ein offizielles Gedenken der Schoa. „Hauptsache, man erinnert sich heute daran!“, sagt eine süß-russophile Stimme in meinem Kopf, die dort sehr lange schon wohnt, weil meine Verwandten und Freunde in Russland wohnen. Und obwohl ich es nicht will, meldet sie sich immer im Kopf, wenn es um Russland und um Kritik geht.

          Wladimir Putin gedachte, seitdem er an der Macht ist, immer der Holocaust-Opfer. Deswegen waren auch sehr viele sehr sauer darüber, dass ausgerechnet der russische Präsident nicht persönlich zur Gedenkfeier in Polen eingeladen worden war. Doch die Beleidigten vergaßen, dass es offenbar gar keine persönlichen Einladungen gab, sondern nur unpersönliche, die an die ausländischen Botschaften in Warschau gingen, so hieß es aus Polen. „Die Polen, die lügen, und selbst wenn sie nicht lügen: Putin hätte ein VIP-Ticket verdient, als Quasi-Befreier“, haucht es wieder im Patriot-Sopran durch meinen Kopf.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Klimastreik in Berlin : Rackete for Future

          Beim großen Klimastreik in Berlin überlassen die Aktivisten von „Fridays for Future“ anderen die Bühne. Es sollte der Auftakt sein für ein breites gesellschaftliches Bündnis. Doch noch prallen Welten aufeinander.
          Ihnen reicht der Kompromiss nicht: Wie in Berlin demonstrierten Hunderttausende

          Kompromiss und Proteste : Was in der langen Nacht geschah

          Erst war das Klimaschutzgesetz fast am Ende, dann kam der Protest – und dann stritt das Kabinett eine Nacht lang. Jetzt sonnt sich die Politik im Glanz der Einigung. Währenddessen dröhnt der Protest Hunderttausender.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.