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Russlands Feindbilder : Putin und die Juden

Geschichten aus der Kinderzeit des Präsidenten

Am Dienstag erinnerte Putin im jüdischen Museum Moskaus an die Opfer von Auschwitz und ehrte auch die Befreier. Ernst schaute er, wie er immer so schaut, aber auch etwas ergriffen, wie selten. Er sprach von der Unmenschlichkeit der Nationalsozialisten und wirkte während der Liveübertragung wie ein richtiger, aufrichtiger Mensch. Zumindest, bis er dann doch ein paar Halbsätze seiner Rede für die anti-ukrainische Politik Russlands instrumentalisieren musste. „Die historischen Fakten sind unwiderlegbar, so bezeugen sie, dass Banderowzi und andere Kollaborateure, die Komplizen Hitlers, an der Vernichtung von Juden teilgenommen haben“, sagte er, meinte mit „Banderowzi“ die Anhänger von Stepan Bandera, einem ukrainischen Nazi-Kollaborateur, und hatte damit auch recht. Unrecht aber sind die Assoziationen, die Putin mit diesem Satz wecken wollte, denn „Banderowzi“, das sind für die meisten Russen die prowestlichen Ukrainer, eben „Faschisten“, die gerade in Kiew an der Macht sind. Gegen Ende seiner Rede jedoch hörte Putin auf abzulesen, richtete seine nun wieder traurigen Augen zum Publikum und sprach von tiefen Gefühlen, und das fühlte sich dann doch noch ehrlich und aufrichtig an. Genauso wahr klingen auch die Geschichten aus seiner Kinderzeit, die von der Verbundenheit Putins zum jüdischen Leben erzählen.

Schön sind sie, diese Geschichten, aber auch etwas traurig: Der junge Wladimir lebt mit seinen Eltern in Leningrad, Mutter und Vater sind den ganzen Tag weg, deswegen kümmern sich die Nachbarn, eine chassidische Familie, um ihn. Sie helfen bei Hausaufgaben, bekochen den kleinen Wowa und sind fast wie Adoptiveltern für ihn. Als der Junge älter wird, werden die Dummheiten größer im Kopf, und Wladimir wird zum Schläger. Er prügelt sich durch die halbe Nachbarschaft, bis wieder ein jüdischer Segen über ihn kommt: Der Ringertrainer Anatoli Rachlin, der den Jungen von der grausamen Straße holt und zum Sport motiviert.

„Das alles ist nur Romantik“, sagt Roman Bronfman in sehr elegantem Russisch am Telefon. Bronfman ist in Sowjetrussland aufgewachsen, ging in den achtziger Jahren, wie viele russische Juden, nach Israel. Dort studierte er, arbeitete als Journalist und Dozent und war bis 2006 in der Knesset. Bronfman glaubt nicht, dass Putins tiefes Verhältnis zu den Juden so ist, wie es ist, weil der Präsident nur ein gutes Herz hat: „Wenn wir auf die Liste der russischen Oligarchen schauen, sehen wir, dass fast die Hälfte davon nun mal jüdische Oligarchen sind. Und ich denke, das ist der Grund, warum Putin zu den Juden so gut ist: Sie sind seine ökonomischen Funktionäre. Darum hält er sich fern von jeder Art des Antisemitismus.“

Russlands opportunistische Schwäche

Geld als Erklärung ist wie immer ernüchternd, weil damit immer alles erklärt wird. Und vielleicht stimmt es auch diesmal: Putin ist ein Mann, der gerne Rechnungen aufstellt und auch Abrechnungen mag. Aber sein Engagement für die jüdischen Gemeinden Russlands ist groß und bekannt. Dieses Engagement ist auch ein Grund, warum die Anzahl der antisemitischen Verbrechen in Russland zurückgeht. Das Volk sieht, wie sich Putin zu Juden verhält, und ahmt dieses Verhalten dann nach. Denn immerzu der Macht hinterherlaufen zu wollen, das ist ein Teil der russischen Mentalität. Wie gut, dass diese opportunistische Schwäche in Russland doch lebt - zumindest in diesem einen einzigen Fall.

Aber nur Geld ist keine gute Erklärung, gefährlich ist sie. Denn, wenn es kein Geld von den jüdischen Oligarchen mehr gibt, was kann dann alles passieren? Zum Beispiel, dass man den Juden, deren Geld man so gerne genommen hat, anfängt vorzuwerfen, dass sie es unrechtmäßig verdienten. Anfang der nuller Jahre hörte man unter russischen Intellektuellen oft einen seltsamen Satz: „Unsere Juden können ruhig schlafen, denn jetzt gibt es ja die Tschetschenen.“ Marina erzählte mir damals als Erste davon und lachte wie immer sarkastisch, obwohl dieser Satz gar nicht zum Lachen oder lächerlich war. Und dann redete sie wieder von der sowjetischen, russischen Angewohnheit der Mächtigen, Feinde zu machen, um an der Macht bleiben zu können. Diese Tradition herrscht auch heute in Russland. Und deswegen will man auch so fest an diesen einen gerechten, guten und philosemitischen Fleck in Putins Herz glauben.

„Da, also ja, koneschno! Siehst du, es gibt ihn!“, sagt die Stimme in meinem Kopf. Und weil sie das so selbstsicher sagt, lasse ich mich auch überzeugen und sehe in Putin auf einmal Alexander II., den ersten Zaren, der Russland für wenige Jahre von den größten seiner antisemitischen Gesetze erlöste. Da, also ja, denke ich sofort entschlossen, Putin wird als ein Autokrat in die Geschichte eingehen; ein Autokrat, dem Menschenrechte zwar egal waren, der es aber geschafft hat - was auch immer ihn dazu bewegte - Russland ein wenig von seinem Antisemitismus zu heilen.

Doch dann denke ich auch: Menschen, die auf Stimmen im Kopf hören, täuschen sich meistens.

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