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Neulich in Moskau : Wenn Hugo Boss Russlands Ehre rettet

  • -Aktualisiert am

Die Drei von der Front: Hechelnde Welsh Corgis im Blumenbeet. Bild: Picture-Alliance

Russlands Ehre wird in Riga, Prag und Zypern verteidigt. Durch tapfere Kläffer, die auf die Namen Pinkerton, Cäsarewitsch und Hugo Boss hören. Wenn nur die Bolschewisten nicht wären.

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          In Russland leben zwei Völker, die Regierenden und die Regierten. Der Erste Vizepremierminister Igor Schuwalow, den Präsident Putin als seine rechte Hand mit strategischen Projekten – von der Rubelkurskrise bis zur Fußballweltmeisterschaft 2018 – betraut, ist auch der reichste Mann in der Regierung. Schuwalow, der seine Landsleute dazu anhält, nur russische Produkte zu kaufen, besitzt selbst unter anderem ein Schloss in Salzburg, eine Wohnung in London, eine ganze Etage in Moskaus berühmtestem Stalinhochhaus am Kotelnitscheskaja-Ufer und außer seinem Maybach und einem Rolls-Royce-Cabriolet einen Privatjet.

          In diesem Sommer fand die vom Kremlkritiker Alexej Nawalnyj gegründete Stiftung zur Korruptionsbekämpfung heraus, dass der stets gläsern elegante Politiker mit seinem Flugzeug nicht nur selbst die Welt umrundet, sondern auch seine Hunde der englischen Rasse Welsh Corgie zu internationalen Schönheitswettbewerben bringen lässt. Die edlen Tiere, die auf die Namen Pinkerton, Cäsarewitsch und Hugo Boss hören, verteidigen auf Hundeausstellungen in Riga, Prag und Zypern nicht zuletzt die „Ehre Russlands“, erklärte Schuwalows Gattin Olga gegenüber der Stiftung für Korruptionsbekämpfung.

          Nawalnyj stellte ein Video ins Netz, worin er den Wert von Schuwalows Besitztümern zusammenrechnet und dokumentiert, dass der Flieger vom Typ Bombardier Global Express, der Hugo Boss, Pinkerton und Cäsarewitsch zu ihren Vierbeiner-Catwalks ins westliche Ausland befördert, vierzig Millionen Euro kostet. Was umso mehr beeindruckt, als russische Staatsangestellte sich mit fünfzig bis zu ein paar hundert Euro monatlich durchschlagen müssen, die neuerdings oft verspätet ausgezahlt werden. Die Machtelite findet das normal, zwischen Russlands erstem und seinem zweiten Volk besteht keinerlei Solidarität.

          Selbst Schuld

          Der Premierminister Dmitri Medwedjew erklärte jüngst auf die Frage, warum Lehrer so wenig verdienten, sie könnten ja Geschäftsleute werden – oder aber für bessere Bezahlung bei den Gewaltministerien anheuern, wo die Arbeit freilich auch gefährlicher sei. Schuwalow selbst, der unlängst in Kasan eine neue Wohnanlage besuchte, fand es „lustig“, dass infolge der Depression neuerdings auch winzige Appartements mit einer Grundfläche von zwanzig Quadratmetern angeboten würden. Der Chefjurist der Antikorruptionsstiftung, Iwan Schdanow, verlangte im Gespräch mit Alexej Wenediktow, dem Chefredakteur des oppositionellen Radiosenders „Echo Moskwy“, Präsident Putin solle Schuwalow entlassen, weil der sein Privatflugzeug nicht deklariert habe.

          Woraufhin Wenediktow überraschend aggressiv reagierte und darauf hinwies, Schuwalow habe den Jet mitsamt zugehöriger Firma seinem Sohn geschenkt. Wenediktow versucht mit dem Manöver freilich auch, seinen bedrängten Radiosender zu schützen. Margarita Simonjan hingegen, die Chefin des Auslandssenders „Russia Today“, weiß sich auf Regierungslinie, wenn sie die Kritik Schdanows und Nawalnyjs als „bolschewistisch“ abtut und fordert, nur reiche Leute sollten überhaupt Staatsfunktionäre werden.

          Kerstin Holm

          Redakteurin im Feuilleton.

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