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Russlands Akademie der Wissenschaften : Putins Todesurteil

Hier hat es sich schon ausgeforscht: Der ehemalige Hauptsitz der Russischen Akademie der Wissenschaften in St. Petersburg beherbergt heute ein Kunstmuseum Bild: Jens Büttner/dpa

Wladimir Putin entsorgt Russlands Akademie der Wissenschaften: Die altehrwürdige Institution hat schon zahlreiche Nobelpreisträger hervorgebracht; künftig weht dort der kalte Wind der Ökonomie.

          Russlands Präsident Putin, der die Hand zum Reformschlag gegen die Akademie der Wissenschaften schon erhoben hat, ist im letzten Moment vor dessen irreversiblen Folgen erschrocken. Die von Zar Peter dem Großen vor fast dreihundert Jahren gegründete Akademie, die selbst unter der Sowjetmacht eine relative Unabhängigkeit wahrte und in der Nachkriegszeit eine beeindruckende Zahl von Physiknobelpreisträgern hervorbrachte, wird künftig von einem Nichtwissenschaftler gemanagt, hört also in ihrer bisherigen Form zu existieren auf.

          Kerstin Holm

          Redakteurin im Feuilleton.

          Eine staatliche Wissenschaftsagentur unter dem schon zu ihrem Leiter ernannten Finanzexperten Michail Kojukow soll nicht nur über den beträchtlichen Immobilienbesitz der Akademie verfügen, sondern auch den Gelehrten ihre Räume, Labore, Geräte, Budgetmittel zuteilen. Außerdem ist geplant, die jetzige Trias aus Akademie der Agrarwissenschaften, Akademie der medizinischen Wissenschaften und der eigentlichen Wissenschaftsakademie zu einer zu fusionieren. Von den heute rund fünfhundert wissenschaftlichen Institutionen im Land soll eine noch unbekannte Anzahl geschlossen, „überflüssige“ Liegenschaften sollen veräußert werden. Die Reformarchitekten wollen damit nicht zuletzt die Staatskasse sanieren.

          Talente verlassen das Land

          Das könnte freilich der Nagel zum Sarg von Russland als Wissenschaftsnation sein. Eigenständige Forscher werden so zum Gelehrtenklub am Beamtengängelband herabgestuft. Regierungsfunktionäre bestimmen, welche Mittel wissenschaftliche Koryphäen für ihre hochspezialisierten Projekte, für internationale Kongresse, für Spezialpublikationen aufwenden dürfen. Ganze Forschungszweige, die das Staatsmanagement als ineffektiv ansieht, drohen verlorenzugehen. Im Unterschied zu den rund tausend korrespondierenden und Vollmitgliedern der Akademie, die Privilegien genießen, aber auch vielfach im Rentenalter stehen, verdienen die rund 55000 wissenschaftlichen Mitarbeiter nur wenige hundert Euro monatlich, was einige Institute durch Gebäudevermietung aufbessern. Das fällt nun weg. Und wenn zu den Effektivitätskriterien, wie geplant, die Zahl der verteidigten Dissertationen gehören soll, werden ausgerechnet Lehrstühle, die dubiose Doktortitel verteilen, profitieren.

          Die neue Wissenschaftsagentur ist zu keinerlei Rechenschaft verpflichtet, die an den Ertrag der Forschung gekoppelt wäre. An bisherigen Missbräuchen wie dem Wasserfilter des Pseudowissenschaftlers Viktor Petrik, den Akademievizepräsident Sergej Aldoschin propagierte, war die Unlauterkeit der Person Aldoschins schuld, nicht seine Inkompetenz. Das droht die Reform zu ändern. Wird Russlands Razzia-Ökonomie auf die Wissenschaft losgelassen, vernichtet sie auch dort die fruchtbare Kulturschicht, prophezeit das Akademiemitglied und Leiter des Informatikinstituts Alexander Kuleschow. Der intellektuelle Humus, den Generationen von Gelehrten hervorbrachten, werde kurzsichtigen Rentabilitätserwägungen geopfert, zurück bleibe eine Mondlandschaft, auf der nichts mehr wachse, so Kuleschow.

          Dabei wurde die Abwanderung russischer Wissenschaftler erst in den letzten Jahren durch Förderungsprogramme gestoppt. Jetzt glauben insbesondere junge Forscher wieder, sie hätten im eigenen Land keine Zukunft. Wohl deshalb schlug Präsident Putin jetzt plötzlich ein Moratorium für sämtliche Entscheidungen von einem Jahr vor, währenddessen die Akademieleitung und die Agentur sich über alle Schritte einigen und sicherstellen sollen, dass die Immobilienerträge der Wissenschaft zugutekommen.

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