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Russland : Zaren-Rochade

  • -Aktualisiert am

Medwedjew soll Putins Posten des Regierungschefs übernehmen, doch dass er ihn lange innehaben wird, bezweifeln Politkommentatoren schon jetzt Bild: AFP

Er habe mal geglaubt, als Jurist etwas vom politischen Geschäft zu verstehen: Der russische Nochpräsident Medwedjew entsetzt getreue Künstler.

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          Die russische Rochade - der Throninhaber tauscht vorübergehend mit einem Ersatzmann den Platz - wurde nicht von Putin erfunden. Zar Iwan der Schreckliche hat sie ihm vorgemacht, als er 1574 den ihm dienenden, getauften Tatarenprinzen Simeon Bekbulatowitsch zum Zaren von ganz Russland erhob. Die politische Maskerade von Iwan, dessen Opritschnina-Sicherheitsgarden zu jenem Zeitpunkt schon ausgiebig gemordet und geraubt, nicht jedoch einen Einfall der Krimtataren abgewehrt hatten, geriet beinahe so glaubwürdig wie die von Putin mit Medwedjew.

          Der brave Zar Simeon zeichnete Ukase ab, hielt prunkvoll Hof, während Iwan als gewöhnlicher Moskowiter Bojar auftrat - bis er nach zwei Jahren in den Kreml zurückkehrte und Bekbulatowitsch nach Twer abschob. Medwedjew, die Verkörperung von Russlands Modernisierungsträumen, soll Putins Posten des Regierungschefs übernehmen, doch dass er ihn lange innehaben wird, bezweifeln Politkommentatoren schon jetzt.

          Zeremonialrolle des Zwischen-Präsidenten

          Die Zeremonialrolle des Zwischen-Präsidenten veranschaulichten die jüngsten Begegnungen mit der Geisteselite. Zu Medwedjews Treffen mit Moskauer Journalistikstudenten erschienen Gruppen der Kremljugendverbände und, da über ethnische Beziehungen geredet werden sollte, ein Tschetschene, der russische Mädchen beschützt hatte, ein Russe mit afrikanischer Gattin, einige Kosaken sowie der Kellner eines usbekischen Restaurants.

          Der Präsident lobte die Erfolge im friedlichen Zusammenleben der Kulturen, forderte, Kriminalität ohne Rücksicht auf nationale Zugehörigkeit zu ahnden. Und versprach, in einer ossetischen Dorfschule eine „Twitter“-Meisterklasse abzuhalten. Doch die echten Journalistikstudentinnen, die ein Plakat mit der Aufschrift mitbrachten: „Warum sitzen Sie im Twitter und Chodorkowski im Gefängnis?“, kamen in Polizeigewahrsam.

          Öffentliche Personen mimten Begeisterung

          Zuvor traf Medwedjew sich mit Vertretern der Künste und Medien, die er für seine „erweiterte Regierungsmannschaft“ mobilisieren wollte. Die öffentlichen Personen mimten Begeisterung, Fernsehdiva Tina Kandelaki sprach ihn freilich aus Versehen als Expräsidenten an. Er sei erschüttert gewesen, bekannte der anwesende Künstler und Medwedjew-Anhänger Dmitri Gutow.

          Der Nochpräsident habe gestanden, als erfolgreicher Jurist einst geglaubt zu haben, vom politischen Geschäft etwas zu verstehen, was ein Totalirrtum gewesen sei. Gutow empfand Medwedjews Misere wie eine eigene. Er habe Russlands Missstände immer darauf zurückgeführt, sagte Gutow, dass seine Herrscher Geheimdienstgeschöpfe oder dümmlich waren. Mit Medwedjew habe sich ein gebildeter, sympathischer Politiker als machtlos gegenüber dem System erwiesen.

          Kerstin Holm

          Redakteurin im Feuilleton.

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