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Russland im Mangel-Modus : Haltet eure Mäntel fest!

  • -Aktualisiert am

Diese Schätze steigen im Wert: Eine Kundin deckt sich beim Totalausverkauf einer Moskauer Ikea-Filiale ein. Bild: Laif

Infolge der Sanktionen steigen Markenprodukte in Russland im Wert. Einige sollen künftig in geschlossenen Geschäften für Diplomaten erhältlich sein. Unterdessen möchte die Strafvollzugsbehörde die Marktnische von Ikea erobern.

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          Ein gehobenes Sortiment von Wa­ren, die vom russischen Markt verschwunden sind, beispielsweise Smart­phones, teure Uhren, Schmuck, Kosmetik und Parfum, soll ab September in speziellen zollfreien Läden unter der Regie des Außenministeriums in Moskau und Petersburg vertrieben werden. Die Behörden wollen offenbar die notorischen „Berjoska“-Geschäfte der So­wjetunion, Vorbild für die Intershop-Kette für Defizitäres in der ehemaligen DDR, aus der Versenkung holen. Wie jene bleiben die Sonderläden dem Normalpublikum verschlossen, einkaufen dürfen dort – auch für Euro oder Dollar – nur Leute, die sich als Diplomaten, Mitarbeiter ausländischer Organisationen oder deren Angehörige ausweisen können. Der Vizevorsitzende der Assoziation russischer Diplomaten, Valeri Jeroschkin, betonte, auf diese Weise wolle man insbesondere das Botschaftspersonal „befreundeter Länder“ – von denen die meisten zum globalen Süden gehören – mit defizitären Qualitätsgütern versorgen.

          Für die russische Bevölkerung ist einer der schmerzlichsten Verluste zweifellos das Möbelhaus Ikea. Der Ex-Dramaturg des von den Behörden ge­schlos­senen Moskauer Gogol-Centers, Valeri Petschejkin, hat deswegen schon ein Drehbuch für eine Familienfarce skizziert, worin Eltern ihre schöne kluge Tochter drängen, nicht ihren schönen klugen Verlobten zu heiraten, sondern einen garstigen Kerl, weil der es noch geschafft hat, seine Wohnung mit Ikea-Mobiliar einzurichten.

          Die Oma will das Badelaken aus dem Möbelhaus

          Einen dramatischen Ak­zent setzt darin die Großmutter, die im Sterben liegt und unbedingt im Badelaken Frederiksjön beerdigt werden will. Jetzt hat Russlands Strafvollzugsbehörde, die Häftlinge praktisch gratis unter anderem Möbel produzieren lässt, Anspruch auf das Marktsegment angemeldet. Der Leiter der Abteilung für Arbeitsrehabilitierung, Oberst Iwan Scharkow, versicherte, die in Strafkolonien verfertigten Möbel seien zugleich qualitativ hochwertiger als auch preisgünstiger als die von Ikea. Die Strafvollzugsbehörde, die einen steilen Anstieg ihrer Möbelproduktion vermeldet, sei of­fen für Geschäftsanbahnungen, er­klär­te Scharkow.

          Der literarisch versierte Petschejkin beobachtet un­ter­des, dass sein Uniqlo-Mantel, den er eigentlich nicht mochte, durch den Wegzug der japanischen Firma eine Wertsteigerung erfahren hat. Neuerdings machten ihm Unbekannte dafür Komplimente, weil dieser Look für sie unerreichbar geworden sei, be­rich­tet er auf Facebook. Endlich verstehe er das Glück von Akaki Akakiewitsch, des Helden von Gogols „Mantel“, über sein Kleidungsstück. Doch zugleich sieht Petschejkin auch, wie in schon naher Zukunft, nur einige Umdrehungen der Sanktionsspirale weiter, an einem einsamen Winterabend, genau wie in Gogols Novelle, kräftige Männerhände ihm den defizitären Schatz von den Schultern reißen werden.

          Kerstin Holm
          Redakteurin im Feuilleton.

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