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Europas Russland : Sitzenbleiber mit Pokerface und großem Latinum

Russland am Scheideweg: „Weg“ ist auf Fjodor Wassiljews Gemälde „Tauwetter“ (1871) freilich ein Euphemismus; hier muss man aus suboptimalen Optionen wählen Bild: INTERFOTO

Europa darf Russland nicht abschreiben, es braucht seine dreckige Lebenswahrheit. Sonst klingen unsere westlichen Werte nur noch nach freiem Handeln und Freihandel.

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          Der historische Fortschritt kennt kein Erbarmen. Russland hat an seiner Westflanke, von wo seit je europäische Ideen und Eroberer in seine territorialen Tiefen eindrangen, eine strategische Niederlage erlitten, die es mehr kosten dürfte als ein paar Gasleitungen, Lieferverträge und Investitionsprojekte von dort. Die Europäer sind sich, bei allen Differenzen, darin einig, dass sie mit Staaten, die zur Wahrung ihrer Interessen andere militärisch angreifen, nichts zu tun haben wollen.

          Kerstin Holm
          Redakteurin im Feuilleton.

          Für den Modernisierungsverlierer Russland, dessen kostbarste menschliche wie finanzielle Ressourcen ohnehin nach Westen strömen, ist die politisch-ökonomische Abnabelung der engstverwandten, historisch engstverbundenen Ukraine in jeder Hinsicht eine Katastrophe. Es konnte aber nicht nur die Entwicklung nicht aufhalten, sondern sah sogar, um wenigstens den Prozess für alle Beteiligten so schwer und schmerzhaft wie möglich zu machen, keine anderen als gewaltsame Mittel.

          Der neue kalte Krieg verspricht lang zu werden. Die geistige Landschaft ändert sich rasant und nachhaltig, besonders dramatisch in Deutschland, das mit Russland traditionell und tief verbunden ist. Wer jetzt noch anmahnt, Russlands Sicherheitsinteressen zu schützen, es nicht medial zu dämonisieren und aus Europa herauszudrängen, wie es sechzig Seniorpolitiker, -diplomaten und Künstler mit ihrem offenen Brief in der „Zeit“ taten, wird gebrandmarkt als Diktatorenkollaborateur und Verräter an den fundamentalen europäischen Werten Freiheit und Recht. Prominente deutsche Osteuropa-Historiker empfinden ihre alte Liebe zu Russland plötzlich als Irrtum und entdecken in der Ukraine das eigentliche, bessere, weil demokratische und von ihnen zu Unrecht lange verkannte Russland.

          Großer Vertrauensverlust

          Einer von ihnen, Jörg Himmelreich, stellt in der „Neuen Zürcher Zeitung“ triumphierend fest, Deutschland habe seine antiaufklärerische Krankheit, die aus dem Antagonismus zu Frankreich herrührte, die es für Russlands Autoritarismen verführbar machte und die Gerd Koenen so brillant als „Russland-Komplex“ diagnostizierte, endlich überwunden und sei im Westen angekommen.

          Im durch und durch germanophilen Russland ist die Enttäuschung groß. Noch vor kurzem waren dort die Deutschen die verständnisvollsten, zuverlässigsten Partner, selbst bei Erinnerungen an den Zweiten Weltkrieg würdigte man gern, welch großartige Soldaten sie gewesen seien. Heute kann man wieder, wie in fernsten Nachkriegszeiten, in den Medien hören oder lesen, Deutschland sei „wortbrüchig“. Was sich damals auf den deutschen Überfall auf die Sowjetunion trotz des Molotow-Ribbentrop-Paktes bezog, meint heute, dass Deutschland, dessen Wiedervereinigung Russland erlaubte, obwohl sie von vielen Europäern seinerzeit nicht gewollt war, als Gegenleistung nicht, wie versprochen, Russlands durch die „roten Linien“ der ehemaligen Grenzen der ehemaligen Sowjetunion markierten Sicherheitsinteressen wahrte. Bundeskanzlerin Merkel, noch gestern bewundert als einzig bedeutende europäische Politikerin, gilt heute vielen als Betonweib, die das uneinige Europa durch eine Freundschaft gegen Putin verklammern will. Über Jahrzehnte geknüpfte Bande des Vertrauens sind zerrissen.

          Dabei ist bezeichnend, dass die Schlüsselfrage nach Russlands Sicherheit, also ob und wie es sein überdehntes, oberflächlich erschlossenes, schwer zu administrierendes Territorium etwa ohne die jetzt rechtswidrig annektierte Krim mit ihrem strategischen Flottenstützpunkt Sewastopol zusammenhalten kann, weder auf europäischer noch auf russischer Seite diskutiert wird.

          Extreme Ambition bei ungünstiger Ausgangslage

          Für die meisten Europäer, deren überschaubare Länder dem mächtigsten Verteidigungsbündnis der Welt angehören und nicht an Krisenregionen grenzen, ist die Frage militärischer Bedrohung von außen akademisch, höheren Orts erledigt. Die Kommunikation der Europäer beschränkt sich auf die Soft Power von Rechtsakten, Verträgen, Gesprächsrunden. Die alles tragende Hardware der politischen Macht und des Gewaltmonopols nehmen sie wie von oben gegeben. Russlands Panik angesichts des Immer-weiter-Vorkriechens der Nato im Allgemeinen und der Möglichkeit, an der Südwestgrenze das einzige Kriegsflottenstandbein mit Mittelmeerzugang zu verlieren, im Besonderen, bleibt ihnen letztlich unverständlich.

          Entsprechend gehört es zur neuen europäischen Identität der Ukraine, die noch vor kurzem auf Amerika gerichtete Langstreckenraketen produzierte, das große Latinum militärstrategischen Wissens schleunigst zu vergessen. Ministerpräsident Arsenij Jazenjuk beschwor bei seinem ARD-Auftritt unlängst die deutsch-ukrainische Gemeinsamkeit, weil beide Opfer sowjetrussischer Aggression gewesen seien. Und ukrainische Intellektuelle wollen die für Russland überlebenswichtige Übernahme der Krim als bloß sadistischen Akt sehen. Auch der russische Präsident Putin begründet die Annexion lieber mit der Mär von der Taufe des Christianisiererfürsten Wladimir, die unter Theologen höchst umstritten ist. Der Kreml will aber so die schmerzhafte Wahrheit, dass das Land in vieler Hinsicht mit dem Rücken zur Wand steht, spirituell betäuben. Russland ist im globalen Entwicklungscurriculum ein Sitzenbleiber mit Pokerface. Die Führung hat keine längerfristigen Ideen; sie will sich auf nichts festlegen lassen, sondern kurzfristig jeweils dort eingreifen, wo gerade das nächste Fell davonschwimmt.

          Sein natürliches Handicap der materiellen Eckdaten – schwer sicherbare Landesgrenzen, kontinentales Stressklima, Kadermangel, ungemütliche Nachbarn –, die Europa nicht hat und Amerika schon gar nicht, ist nicht abzuschütteln und wiegt in der Isolation noch schwerer. Die ungünstige Ausgangslage hat als dialektische Antwort einen extrem ambitionierten Staat hervorgebracht, der von seinen Untertanen stets mehr verlangt, als sie zu geben bereit sind. Die hier stets zähen Entwicklungsprozesse wurden bisweilen gewaltsam erzwungen. So erfüllte aber Russland seine politische Mission, die europäische Zivilisation über den asiatischen Kontinent bis an den Pazifik auszudehnen.

          Russische Herausforderung der europäischen Wohlfühlkultur

          Der kulturelle Eros ließ im neunzehnten Jahrhundert insbesondere deutsche Wissenschaftler russische Forschungszweige gründen und Archive retten, russische Schriftsteller und Künstler Europa studieren; er brachte die russische Literatur dazu, Schiller und Schelling zu adoptieren, machte Dostojewski zum deutschen Lieblingsautor, inspirierte Oswald Spengler zu einer phänomenal hellsichtigen russischen Kulturanatomie und Marina Zwetajewa nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs zu einer lyrischen Liebeserklärung an Deutschland.

          Gottlob sei diese Epoche deutsch-russischer Projektionen nun vorbei, freuen sich Himmelreich und andere Europäer nach der Menopause. Dabei verbindet Russland die europäische Kultur mit der dreckigen Lebenswahrheit. Seine Gesellschaft ist extrem ineffizient, menschlich Schönes muss immer wieder neu hart erkämpft werden. Russische Kulturleistungen, ob Puschkin oder Mandelstam, Wladimir Sorokin oder Alina Wituchnowskaja, werden immer auch dadurch befeuert, dass das Land so schlecht regiert ist, was ihrer Humanität etwas kosmisch Ortloses verleiht. Russische Kinder stürzen sich noch immer stressfreudig aufs Geigen- oder Klavierspiel, russische Konservatoriumsstudenten üben auf Treppenstufen, Korridoren, selbst in Toiletten, russische Konzerte und Theater werden von viel mehr jungen Leuten besucht als westliche, weil man auf diesem ewig schwankenden Boden spürt, dass die Kunst das Ziel des Daseins ist, sein eigentlicher Sinn – während in Europa die Einrichtung der gesellschaftlichen Wohnung mit funktionalen Institutionen als Hauptsache erscheint, wobei die Künste die ästhetische Sphäre markieren, wo sich möglichst jeder gleichberechtigt verwirklichen können soll, statt ihnen dienen und sich vor ihnen rechtfertigen zu müssen.

          Europas Kultur ist in Gefahr. Die unerbittliche Demokratie, die keinen Spott über Frauen, Schwule, Lesben duldet, der aber dafür der Spott über Gott heilig ist, glaubt, der Mensch müsse sich vor allem gut fühlen, nicht gedrillt, nicht überfordert werden. Sie stellt E- und U-Musik umstandslos auf eine Stufe, fördert Kunst um der Kunstförderung willen, der jeweilige Rang ist sekundär. Da Kunst und Kultur aber hierarchisch sind, gefährdet die Betäubung des Sinns für die Vertikale unseren historischen Hauptauftrag, der darin liegt, diese Kultur lebendig zu erhalten und weiterzugeben, nicht zuletzt an Menschen nichtchristlicher Herkunft, die in Auseinandersetzung mit ihr erst das Beste aus sich selbst herausholen können.

          Europa ein echoloser Menschenpark?

          Pegida ist dafür ein Symptom. Leute, die sich in ihrer Gesellschaft eher in der Rolle des Ambosses als der des Hammers fühlen, alarmiert es besonders, wenn das Wertegepäck ins Rutschen kommt. Da der Bundeskanzlerin bei öffentlichen Auftritten das C-Wort aus dem Namen ihrer Partei nicht über die Lippen kommt, kann manchen Deutschen, die meinen, sie seien zu schwach, um die Zukunft mitzugestalten, der russische Präsident Putin imponieren, der sein Land an der Kandare und das orthodoxe Christentum hochhält. Leider oder Gott sei Dank kann das Christentum aber nicht proklamiert, sondern muss gelebt werden, durch Kirchgang, Nächstenliebe, Proselytenmacherei. Und Politiker erfüllen zumal in der Demokratie die schlichte Aufgabe von Kellnern, die ihrer Gesellschaft nur das anbieten, was diese zuvor selbst bestellt haben.

          Europa unterm Nato-Schirm ist ein Innenraum, wo man den Wind internationaler Machtpolitik, wie er durch Russland heult, nicht hört. Der Kontinent braucht aber den Dialog mit diesem herausfordernden, überfordernden, ungezähmten, vielleicht unzähmbaren Raum, um nicht sich selbst zu verlieren, sich in Inklusionsbemühungen zu verzetteln, provinziell zu werden. Ohne die Befruchtung, Kritik, Veredelung durch Europa wird Russland zum Schwarzen Loch und bald von China aufgesogen. Der neue Graben zwischen beiden verwandelt aber auch Europa in einen juristisch abgezirkelten, echolosen Menschenpark. Kulturveranstaltungen werden zum Freizeitspaß, eine verarmte Sinnlichkeit zum bloßen Vehikel von Genuss.

          Die deutsche Seele hat schon einen Bleihintern. Im Weltmusikland, wo vor einer Generation die Hochsprache der klassischen bis Avantgarde-Musik Standardausrüstung von Intellektuellen war, scheinen sich viele Heutige deren schwindelnder Ikarusflüge und nackter Schönheit fast zu schämen. Trost und Erquickung, Vergnügen und Sinnstiftung finden sie in Sozialkitschhymnen in simplifizierter Klangsprache. O Wunder der Konvergenz! Im euro-amerikanischen Pop hat sich, so erkennt man am Zentrum für zeitgenössische Musik des Moskauer Konservatoriums, Stalins Traum von einer Kunst, die volksnah ist in der Form und sozialistisch im Inhalt, endlich verwirklicht.

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