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Russland und die Ukraine : Die Mutter aller Kriege ist das Missverständnis

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Das gespaltene Russland

Der Westen kann ob derlei Obskurantismus nur aufstöhnen. Hat er doch nach dem Zweiten Weltkrieg eine strenge Schule der Umerziehung durchlaufen, um aggressive Emotionen zu bändigen. Alles, was dem Russen bei der Übernahme der Krim lieb war, ist dem Europäer fremd und zuwider. Dem Westen wird immer klarer, dass Russland nicht Europa ist. Und genau das unterstreichen nachdrücklich Russlands neuen Ideologen.

Aber auch im Westen lauert der Obskurantismus, etwa in Gestalt rechtsextremer Parteien, welche die niederen Instinkte der Massen ausnutzen. Marine Le Pen zum Beispiel ist in Moskau ein gern gesehener Gast der Regierung. Wie Le Pen die traditionellen und nationalen Werten akzentuiert, ist grob demagogisch, doch für den Kreml ist sie eine Verbündete, ihre Ideen sind dort willkommen.

Russland hat sich in den letzten Jahren der Anti-Putin-Bewegung gespalten, in Moskau und einige Großstädte einerseits und das restliche, riesige, auf Putin ausgerichtete Russland andererseits, und zwar im Verhältnis von etwa fünfzehn zu 85 Prozent. Die Spaltung der Ukraine hingegen ist viel ausgewogener. Der Einfluss des Westens auf Kiew hat alte, vorrevolutionäre Wurzeln. Noch mehr gilt das für die Westukraine, die erst ab 1939 zur Sowjetunion gehörte; ihr Wertesystem unterschied sich kaum von dem Österreichs und Polens. In der Ostukraine hingegen, insbesondere in Donezk und Lugansk, haben wir es mit Werten zu tun, die bei einem Großteil der Bevölkerung den russischen ähneln und liberalen Lebensvorstellungen unversöhnlich gegenüberstehen. Menschen mit solch archaischen Werten sympathisieren natürlich mit den russischen Brüdern.

Traurige Tundra

Mir fällt schwer, mein Volk für diese Werte zu verurteilen. Russland hat keine Zeiten erlebt, da das Volk die Werte der modernen Welt hätte erlernen können. Es gab sie weder vor der Revolution noch während der Sowjetzeit, auch nicht danach. Das Volk versuchte einfach, zu überleben, gestützt auf urtümliche Ideale. Darin unterscheidet es sich kaum von Menschen in einem afrikanischen Dorf.

Claude Lévi-Strauss hat seinen berühmten Reisebericht über indigene Völker „Traurige Tropen“ genannt, und das Gefühl der Traurigkeit lässt sich durchaus auf die Taiga und Tundra übertragen. Ich bin keineswegs der Ansicht, dass die Kluft zwischen den Werten ewig bestehen muss, dass der Konflikt zwischen der Ukraine und Russland tausend Jahre dauern wird. Das Pendel wird sicher in eine andere Richtung ausschlagen. Russland braucht Modernisierung, um ein vollwertiger Teil der modernen Welt zu sein und nicht ein sich selbst genügendes, isoliertes Imperium, das in Richtung China schaut. Doch das dürfte erst nach Putin geschehen, und auch dann nicht sofort. Denn als weitsichtiger Staatslenker weiß Putin, dass Europa ihm nicht verzeiht. Und er zahlt mit derselben Münze zurück.

Was die nächste Zukunft betrifft: Putin ist nicht allein im Kreml. Er zieht sich einen passenden Nachfolger mit „unseren“ Wertvorstellungen heran. Übrigens sind die neuen Leute in seiner Umgebung dermaßen rigoros in ihrer Ablehnung des Westens und ihrer Geringschätzung von Toleranz, dass wir uns, wenn sie an Putins Stelle treten oder ihn absetzen, noch nach dem jetzigen Präsidenten zurücksehnen werden (o mein Gott!), ungeachtet seiner archaischen Wertvorstellungen, ungeachtet der Tatsache, dass er willkürlich diesen oder jenen Dissidenten eingesperrt hat, trotz Autoritarismus und Einverleibung der Krim.

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