https://www.faz.net/-gqz-7pptf

Russland und die Ukraine : Die Mutter aller Kriege ist das Missverständnis

  • -Aktualisiert am

Da die russische Kultur schon seit langem der europäischen ebenbürtig ist, war eine solche Wendung überhaupt möglich, und Russland bekam irgendwie Ähnlichkeit mit Polen. Aber nein! In Wirklichkeit begann gleich von Anfang an ein großer, dem oberflächlichen Blick des Westens verborgener Teil Russlands, sich aktiv und dann immer heftiger den liberalen Reformen zu widersetzen. Der Kreml spürte die Kraft des Hinterlands und begann mit ihm anzubändeln.

In seinen ersten vier Regierungsjahren spielte Putin mehr oder weniger die Rolle des Europäers. Es war natürlich eine Rolle. Man hat mir erzählt, er habe seinen Funktionären schon im ersten Regierungsjahr erklärt, warum man nicht, wie es in den neunziger Jahren üblich war, zum amerikanischen Unabhängigkeitstag in die Moskauer amerikanische Botschaft gehen solle: Das sei nicht unser Feiertag! Schon da wurde der Schalter umgelegt. Aber der Westen, der dem noch von der Perestroika zehrenden Kreml einen gewissen Vertrauensvorschuss entgegenbrachte, wollte nicht daran glauben und träumt sogar jetzt noch, die Enttäuschung möge keine endgültige sein.

Ein Traum gewann Konturen

Was Putin betrifft, so kann man ihm die Fähigkeit, geschickt und überraschend zu handeln, nicht absprechen. In der Mitte seiner Regierungszeit ließ er seinen jüngeren Freund Dmitri Medwedjew vier Jahre lang Russland regieren. Der versuchte, eine Art „Tauwetter“ einzuläuten, das mit einer ziemlich breiten Protestbewegung endete, hauptsächlich in der proeuropäischen Bevölkerung Moskaus. Und dieser Anti-Putin-Protest wurde vom Westen mit Freuden unterstützt.

Der russische Schriftsteller Viktor Jerofejew

Putin begriff augenblicklich, wo sein Feind stand. Die Frage der Europäisierung Russlands wurde endgültig zu den Akten gelegt. Sollte der Westen nicht endlich anfangen, Putin ernst zu nehmen, dann würde Putin eben auch aufhören, den Westen ernst zu nehmen. Den Traum von der Krim hegte Putin wahrscheinlich schon immer, seit er an die Macht kam. Dieser Traum verband Putin mit dem Volk, und er gewann reale Konturen, als Putin sich vom Westen abwandte. Für den Sieg musste man eben zu Tricks, Versprechungen und Drohungen greifen. Die Krim, ein großes, schönes Stück Land, fiel ihm als Ergebnis einer brillanten Spezialoperation praktisch ohne Blutvergießen in den Schoß.

Das Volk war total begeistert. Seine wesentlichen Wertvorstellungen wurden offenbar: Es liebt den Sieg, es teilt archaisch die Welt auf in eigene Leute und Fremde, es respektiert den Machtkult, seine eigene Wahrheit steht über allen internationalen Gesetzen. Das Volk ist besser als alle anderen, in jeder Beziehung. Es glaubt an den richtigen Gott, wohingegen Europa entweder an den falschen oder an gar keinen glaubt. Kurzum, es gibt allen Grund, sich die Krim zu nehmen (und nicht nur sie). John Kerry gab seltsam naiv zu bedenken, so könne man im 21. Jahrhundert nicht auftreten. Aber wer sagt denn, dass wir in Russland uns um die Zeitrechnung scheren? Wir leben im 21. und im siebzehnten Jahrhundert gleichzeitig.

In dieser Hinsicht sind die russischen Werte ewig, im Unterschied zu den politisch korrekten, toleranten Werten des Westens. Im Einklang mit der orthodoxen Kirche kann der Russe sich darüber empören, dass eine „bärtige Frau“ aus Österreich den Eurovision Songwettbewerb gewonnen hat. Nach seinem Empfinden ein ungeheuerlicher Vorgang! So denkt die Mehrheit der Russen.

Weitere Themen

Alice Merton, kann Deutschland Heimat sein? Video-Seite öffnen

Tonangeber Folge 2 : Alice Merton, kann Deutschland Heimat sein?

In „No Roots“ sang Alice Merton von ihrer Heimatlosigkeit – und wurde weltbekannt. Wir haben sie in ihrer Geburtsstadt Frankfurt getroffen und über die Sehnsucht nach Wurzeln gesprochen.

Erdogan gegen Erdogan

Brief aus Istanbul : Erdogan gegen Erdogan

Vor der Neuwahl in Istanbul macht sich der omnipräsente türkische Präsident unsichtbar. Er will mit einer möglichen Niederlage nichts zu tun haben. Aber wer weiß, wie er noch trickst?

Topmeldungen

EZB-Chef Draghi : Das Ende von „Super Mario“

EZB-Präsident Mario Draghi demonstriert noch einmal seine Stärke. Doch längst sind Kräfte am Werk, die die Macht der Notenbanken aushöhlen. Werden mit dem Ende der Ära Draghi die Karten neu gemischt?

Aktien im Handelskrieg : Keine Angst vor Trump!

Der Handelskrieg zwischen Amerika und China spitzt sich weiter zu. Das macht es auch gefährlich für Anleger. Doch es gibt Aktien, die dagegen immun sind.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.