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Russland und Belarus : Briefe in eine glückliche Zeit

  • -Aktualisiert am

Proteste am Unabhängigkeitsplatz in Minsk im August 2020 Bild: AP

Zu Beginn der Proteste in Belarus fragte Swetlana Alexijewitsch die russische Intelligenzija: Warum schweigt ihr? Ihre Forderung richtete sich an eine Gemeinschaft, von der man aber nur träumen kann.

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          Am 21. November 2020 publizierte der Dichter Dmitrij Strozew auf seiner Facebook-Seite ein Gedicht (siehe Kasten unten). Ich habe dieses Gedicht in den vergangenen Tagen und Wochen wieder und wieder gelesen. Die „glücklichste Zeit“, die Zeit des großen belarussischen Aufstands gegen die Unwahrheit, wirkt von meiner Moskauer Zimmerecke aus nicht besonders glücklich. Heroisch – ja. Und unerträglich, selbst für eine, die – wie derzeit Millionen – nur von außen zusieht. Wie mag es erst für jene sein, die da vor meinen Augen zusammengeschlagen, in Polizeitransporter gestoßen und an unbekannte Orte gekarrt werden, wo man sie nur zu bekannten Prozeduren unterzieht? Von weitem sieht das Ganze wie eine Orgie hemmungsloser Gewalt aus, gegen Menschen, die sich selbst jede Gewalt verboten haben. Man verprügelt sie, sie prügeln nicht zurück. Man sperrt sie ein, schlägt sie zu Krüppeln, erniedrigt sie, tötet sie – und sie, ihre Angehörigen, ihre Freunde gehen auf die Straße, wieder und wieder, oder schicken wie Maria Kalesnikawa fröhliche Botschaften aus dem Gefängnis. Die Lebensfreude, der beharrliche Optimismus haben etwas Beängstigendes, als lebten wir in verschiedenen Welten, als sähen unsere Augen nicht dasselbe – und vielleicht ist das auch wirklich so. Die Lektion aus der russischen Geschichte, die sowohl die hiesigen Machthaber als auch alle, die gegen sie aufstehen würden, nur zu gut gelernt haben, besagt, dass Repressionen etwas Schreckliches sind, so schrecklich, dass nur die Tapfersten ihnen trotzen können, und davon gibt es nur eine Handvoll; dass man im Kampf mit dem Staatsapparat nicht siegen kann, man kann nur warten, bis dieser Apparat eines Tages aus Altersschwäche kollabiert; und schließlich, dass Revolutionen grundsätzlich „von oben“ kommen, nämlich dann, wenn die Machthaber Lust auf etwas Neues haben. Es ist dieselbe Lektion in Geschichtspessimismus, die uns zuletzt im Winter und Frühjahr 2011/2012 auf den Straßen und Plätzen Moskaus eingebleut wurde, und sie hinterlässt den bekannten Geschmack der Ohnmacht auf den Lippen.

          Als negative Folie ist das Jahr 2012 wichtig – als Beispiel für das, was in Belarus hätte passieren können und nicht passiert ist. Auch in Russland standen am Beginn der Proteste unterschlagene Stimmzettel, gefälschte Parlamentswahlen und die nonchalante Dreistigkeit, mit der den Bürgern klargemacht wurde, dass ihre Meinung nicht zählte. Was als Nächstes geschah – die Zehntausende, die auf den Straßen demonstrierten, der Vorgeschmack der Freiheit, das fröhliche Durcheinander der Transparente und Slogans – kam aus der unterschwelligen Gewissheit, dass der Protest in gewissem Sinn schon gesiegt hatte, weil es anders einfach gar nicht sein konnte. Diese Phase endete schnell und tragisch: mit einem leergeräumten Moskau am Tag von Putins Amtseinführung, mit politischen Schauprozessen, die die Opposition ein für alle Mal einschüchtern sollten, mit hohen Haftstrafen und der neu eingeübten, zähen alten Verzweiflung. Man könnte meinen, Lukaschenka geht heute nach demselben Szenario vor, nur in einer noch radikaleren, vollends unmenschlichen Variante, mit Folter und ohne Pardon. Doch etwas läuft anders als in Russland, und deshalb ist es essentiell, dass wir erkennen und verstehen, worin der Weg der Belarussen sich unterscheidet.

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