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Russland : Himmel statt Kreml

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Das Garage Museum im Moskauer Gorki-Park Bild: Yuri Palmin, © Garage Museum of Contemporary Art

Eine Gattin des russischen Oligarchen und Fußballclubbesitzers Roman Abramowitsch lässt sich von dem Architekten Rem Koolhaas in Moskau ein Museum bauen. Was kommt dabei heraus?

          Wenn das doch auch beim BER so ginge: Wo morgens noch Erdhügel waren, liegt am Eröffnungsabend grüner Rasen, wo während der Pressekonferenz noch nasser Beton war, knirschen abends die Stilettos der gehobenen Moskauer Gesellschaft. Das private Garage Museum of Contemporary Art, entworfen von Rem Koolhaas’ Architekturbüro OMA ist nach drei Jahren pünktlich fertig geworden – und es ist anders geworden, als man sich das private Museum einer Oligarchengattin in Russland so vorstellt.

          Die in den Vereinigten Staaten aufgewachsene Dascha Schukowa war 27, als sie 2008 die erste Garage eröffnete, in einem konstruktivistischen Busdepot von Konstantin Melnikow in einem Außenbezirk Moskaus (daher der Name). Dort zeigte sie internationale Gegenwartskunst in einem zunehmend international isolierten Land.

          Mit dem Umzug in den zentralen GorkiPark 2012 wollte man noch näher an die Moskowiter heran, ein Pavillon von Shigeru Ban bot wechselnden Ausstellungen Obdach. Mit dem permanenten Haus von Koolhaas will Schukowa es nun wissen: Garage macht die Arbeit einer Institution, veranstaltet Workshops für junge Leute, Screenings, Diskussionen und natürlich Ausstellungen: Julius Koller, Yayoi Kusama, Rirkrit Tiravanija, Katharina Grosse, Erik Bulatow.

          Das Programm führt aber auch in unbekannte Vergangenheiten, etwa afrikanisches und arabisches Kino unter dem Einfluss der Sowjetunion. Eine eigene Kunstsammlung zeigt man nicht. Statt den Bling Bling von Großindustriellen zu bestaunen, kann man hier in der gleichzeitig großzügigen und demokratisch-günstigen Architektur Dinge entdecken, die man im Westen kaum zu sehen bekommt.

          Sicher, während der Eröffnung warteten Armadas von schwarzen Limousinen und Geländewagen, jeder Zweite hatte einen Knopf im Ohr. Und als eine Drohne über die Dachterrasse hinwegsummte, wusste man nicht so genau, ob das nun der Dokumentation der Party diente oder dem Sicherheitsbedürfnis eines der reichsten Männer in Russland.

          Ein Hauch von Jugendclub

          Aber die Kunst stand im Mittelpunkt – im ersten Stock wurde Tischtennis gespielt, eine Idee von Rirkrit Tiravanija. Ein Hauch von Jugendclub wehte durch das soziale Großereignis. Roman Abramowitsch stand krawattenlos und braungebrannt am Eingang, mit Garage-Anstecker im Revers, als wolle er sagen: Ich gehöre zum Team.

          Der Mann von Dascha Schukowa besitzt unter anderem den F.C. Chelsea, gilt als zehn Milliarden Dollar schwer und Putin-nah. Beide Eheleute finanzieren das Projekt mit einem zweistelligen Millionenbetrag im Jahr. Der Neubau durch OMA hat 27 Millionen Dollar gekostet, das ist nicht viel für ein Museum mit 5400 Quadratmetern Grundfläche, aber eigentlich ist es ja auch nur ein Umbau.

          Die Architektur ist wie eine Box über die Ruine des „Vremena Goda“ („Vier Jahreszeiten“)-Restaurants von 1968 gestülpt: ein langgestreckter Kasten, der erst nach und nach hinter den Bäumen des Parks auftaucht und dessen doppelte, lichtdurchlässige Haut aus Polycarbonat die Farben des Himmels und der Umgebung sowohl annimmt als auch spiegelt.

          Die Gründerin Dascha Shukowa im Gespräch mit Rem Koolhaas

          Das Museum nimmt sich sehr zurück, integriert die Ziegel und Mosaike des Restaurants behutsam. Einzig die zwei wie bei einer Garage über das Dach hinausgezogenen Tore fallen aus dem Rahmen: Sie geben den Blick ins Museum frei, verbinden Außen- und Innenraum. Dem Architekten Rem Koolhaas liegt die Allerweltsarchitektur des „Vier Jahreszeiten“-Restaurants offenbar sehr am Herzen.

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