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Russland nach dem Anschlag : Sie weinen in ihre Kissen

Terrorismus als Sondersteuer moderner Zivilisation? Ein Gebet für die Opfer in der Flughafenkapelle von Domodedowo Bild: dpa

Nach dem Terroranschlag versinkt Russland in Apathie: Im Unterschied zum Westen zählt das Leben des Einzelnen noch immer nichts - und die Machthaber wirken wie blind für die Lage des Landes.

          Die Stimmung in der Glitzerstadt Moskau mit ihren Hochpreisimmobilien, Luxuslokalen und Edeljeeps, die schon vor dem Terroranschlag auf dem Flughafen Domodedowo depressiv war, ist jetzt finster fatalistisch. Der Wahlspruch, womit Wladimir Putin auf einer Welle medientechnisch aufgeheizter Empörung gegen tschetschenische Terroranschläge den Präsidententhron bestieg, die oft zitierte Formel, er werde den Feind „im Klo abknallen“, wendet sich immer brutaler gegen die russische Gesellschaft zurück, vor allem gegen die von den armen Provinzen beneidete und verhasste Hauptstadt.

          Kerstin Holm

          Redakteurin im Feuilleton.

          Nach den Selbstmordattentaten beim Rock-Konzert 2003, nach mehreren Explosionen in der Moskauer Metro, zuletzt im vergangenen März, traf es jetzt die internationale Ankunftshalle des größten Flughafens. Die Staatssicherheitsbeamten, die von der kritischen Journalistin Jewgenia Albatz am Abend nach dem Attentat ins Studio des Radiosenders „Echo Moskwy“ geladen wurden, erklärten in beinahe heiterem Ton, Terroranschläge werde es leider weiterhin geben.

          Die Stressresistenz der Russen ist berühmt

          Denn, wie Gennadi Gudkow vom Sicherheitskomitee der Duma freimütig bekannte, bestehe kein politischer Wille, deren Ursachen, die sozialen Kontraste, die Korruption der Ordnungshüter und Gerichte zu bekämpfen. Das Ex-Mitglied der EliteAntiterroreinheit „Wympel“ Anatoli Jermolin sprach sogar mit Bewunderung von den modernen Terroristen, die technisch kompetent und gebildet seien, gewissermaßen eine neue Intelligenzija, die obendrein bereit sei, sich selbst zu opfern.

          Weiter in Haft: Die russsiche Künstlergruppe „Wojna” (Krieg)

          Die russischen Bürger, denen die Machthaber die Freiheit genommen haben, aber dafür keine Sicherheit geben, wie Jewgenia Albatz sich ausdrückt, schützen ihre Psyche mehrheitlich durch Apathie. Nach der Tragödie brach in Domodedowo keine Panik aus. In den Nachrichten des Staatsfernsehens wurde sogar die Videoaufnahme der Explosion wiederholt gezeigt. Zugleich baten Augenzeugen, die von Reportern angesprochen wurden, darum, in Ruhe gelassen zu werden. Es sei wie bei der berühmten Stressresistenz, die viele Russen in Krisengebiete, die andere meiden, in Urlaub fahren lasse, sagt der Soziologe vom Lewada-Demoskopie-Institut, Alexej Levinson.

          Nach Möglichkeit emigrieren

          Deshalb erwarte er auch als Reaktion auf die jüngste Katastrophe keine merkliche Konsolidierung von Resten der Zivilgesellschaft - eher deren weitere Erosion. Natürlich breche im Internet ein Sturm aus, sagt er. Aber die Folgen im Offline-Leben dürften über jene Autofahrer, die sich Betroffenen als Gratis-Taxi anboten, kaum hinausgehen. Viele Leute werden einsam in ihr Kissen weinen, so der Wissenschaftler, andere nach Möglichkeit emigrieren.

          Moskau ist eine äußerlich westliche Wohlstandsinsel, deren Bewohner nicht mehr bereit sind, sich für etwas zu opfern. Doch im Unterschied zum Westen zählt das Leben des Einzelnen de facto immer noch nichts, erklärt Levinson. Im Gegenteil, chaotische Gewalt, die von den Ordnungshütern gern manipuliert wird wie bei den nationalistischen Ausschreitungen Ende vergangenen Jahres, wird immer häufiger dazu benutzt, die Öffentlichkeit einzuschüchtern.

          Wie in den späten Breschnew-Jahren

          Dazu gehören etwa auch die Übergriffe auf alternative Künstler wie Ilja Falkowski und Dmitri Bulnygin, die in diesen Tagen von gewalttätigen Beamten, da sie sich nicht ausweisen wollten, stundenlang festgehalten und bedroht wurden. Die Mitglieder der Gruppe „Woina“ (Krieg), Leonid Nikolajew und Oleg Worotnikow, sind weiter in Haft. Die Situation erinnere ihn an die späten Breschnew-Jahre, als der KGB beinahe hysterisch gegen die Dissidenten wütete, sagt der wegen seiner Ausstellungen verurteilte Kurator Andrej Jerofejew. Nur dass er jetzt den Eindruck habe, dass die Machthaber blind seien für die wirkliche Lage ihres Landes, das sie förmlich in den Abgrund steuern.

          Der Politologe und Journalist Konstantin Eggert erklärt das mit der Öl- beziehungsweise Gas-Blase, welche die politische Führung von der russischen Wirklichkeit erfolgreich abkapsele und beinahe anästhesiere. Der Terrorismus wird zu einer Sondersteuer für die moderne Zivilisation, die die Menschen zugleich aus allen Teilen Russlands ungebremst weiter nach Moskau zieht.

          Die Gewissheit, dass sich nichts ändern wird

          Die Erklärungen der Machthaber, Premier Putin, der sich mit theatertrauriger Miene von der in ein schickes kleines Schwarzes gekleideten Sozialministerin Golikowa mit ihrer Glamourbrille über die stationäre Versorgung der Verletzten Bericht erstatten ließ, bestärkten die Menschen nur in der Gewissheit, dass sich nichts ändern werde, sagt Eggert.

          Er findet es bitter ironisch, dass nationalistische Politiker, die vor zehn Jahren noch auf den Zusammenhalt Russlands pochten, heute den Nordkaukasus am liebsten abtrennen würden, und stattdessen die Liberalen, die das abtrünnige Tschetschenien damals ziehen lassen wollten, heute für die Gleichberechtigung der Kaukasier eintreten.

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