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Russland nach dem Anschlag : Terror macht Paranoia

  • -Aktualisiert am

Sicherheitsmaßnahmen nach dem Terroranschlag in Sankt Petersburg: ein Eingang zur Moskauer Metro Bild: AFP

Nach dem Anschlag in Sankt Petersburg zeigt sich Russland verschwörungsbesessen: Die einen verdächtigen Putin, die anderen die Ukraine. Und einer zündet ein Dorf an.

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          Nach der Explosion in der Petersburger Metro wurden die ersten Verdächtigen genannt, noch bevor die Behörden etwas Konkretes präsentieren konnten. Ein nicht unerheblicher Teil der russischen Öffentlichkeit war sich sofort sicher, wer hinter dem Anschlag steht: Präsident Wladimir Putin und seine Geheimdienste.

          Viele Vermutungen dieser Art kamen von Teilnehmern und Sympathisanten der jüngsten Protestdemos. Es meldete sich auch oppositionelle Prominenz zu Wort, etwa Michail Chodorkowskij oder der in Deutschland lebende Ex-Vizepremier und Putinkritiker Alfred Koch. Sie verwiesen auf die vermeintliche Ähnlichkeit des Anschlags mit den Explosionen der Wohnhäuser in vier russischen Städten am Vorabend der Wahlen im Jahr 1999, die Wladimir Putin zum Präsidenten machten. Diese verbreitete Theorie, die unter anderem der 2006 in London ermordete Ex-Geheimdienstler Alexander Litwinenko in seinen Büchern mit zahlreichen Indizien zu belegen versuchte, besagt, dass der russische Geheimdienst FSB an den Anschlägen direkt oder indirekt durch seine Agenten im terroristischen Untergrund beteiligt war, um Putins Wahl zum Präsidenten voranzutreiben.

          Putin zog politischen Nutzen aus alten Terroranschlägen

          Auch wenn es keine nagelfesten Beweise für diesen Verdacht gibt und viele ihn für eine Verschwörungstheorie halten, gilt er in regimekritischen Kreisen als glaubwürdig und fast schon selbstverständlich. Unbestritten ist auf jeden Fall, dass Putin aus jenen und vielen späteren Terroranschlägen politischen Nutzen zog. So wurden zum Beispiel im Jahr 2004 nach dem Geiseldrama von Beslan Gouverneurswahlen abgeschafft, 2013 nach den Bombenanschlägen in Wolgograd wurden die Befugnisse der Geheimdienste wesentlich erweitert und die Kontrolle des Internets verschärft. Jetzt spekulieren viele, dass der Anschlag auf die Metro instrumentalisiert wird, um gegen die Protestbewegung vorzugehen.

          Wladimir Putin legt vor der U-Bahn-Station „Technologisches Institut“ in Sankt Petersburg Blumen nieder.
          Wladimir Putin legt vor der U-Bahn-Station „Technologisches Institut“ in Sankt Petersburg Blumen nieder. : Bild: AFP

          Diese Stimmung war am Tag des Anschlags so stark und allgegenwärtig, dass das populäre russische Frage-und-Antwort-Onlineportal TheQuestion.ru sogar ein Feature zum Thema veröffentlichte. Der Titel lautete: „Warum wird behauptet, dass der Anschlag in Petersburg Putins Wahlkampagne ist?“. Zur selben Zeit wurde in den staatlichen und staatsnahen Medien gegen vertraute Feinde gehetzt: Der frühere Duma-Abgeordnete Alexander Chinstejn, der jetzt als Chefpropagandist der Nationalgarde agiert und von einer Talkshow zur anderen pilgert, verband die Anschläge mit „farbenen Revolutionen“. Der ultranationalistische Schriftsteller Alexander Prochanow und der Moderator einer der wichtigsten Propagandasendungen Wladimir Solowjow zeigten auf die Ukraine und die Protestbewegung. Dasselbe tat der pensionierte FSB-General und „Sicherheitsexperte“ Alexander Michajlow in der Boulevardzeitung „MK“. Und das, obwohl die Behörden von Anfang an von einem islamistischen Hintergrund sprachen.

          Ermittlungsergebnisse : Kirgise wohl für Petersburger Anschlag verantwortlich

          Dabei waren die behördlichen Informationen hochgradig verwirrend. Zuerst wurde behauptet, der Täter habe eine Aktentasche mit dem Sprengsatz im Waggon abgestellt, sei aber selbst ausgestiegen. Es wurde auch ein Foto von den Überwachungskameras verbreitet, das einen hageren bärtigen Mann in islamischer Tracht zeigte. Wenig später stand der Mann in einem Polizeirevier und konnte glaubwürdig beweisen, dass er mit dem Anschlag nichts zu tun hat: Der Hauptmann der Luftlandetruppen Andrej Nikitin, der als Sohn einer tatarischen Mutter in der mehrheitlich muslimischen Region Baschkirien aufwuchs, sei laut Medienberichten nach dem Kriegseinsatz in Tschetschenien aus dem Militärdienst geschieden und frommer Muslim geworden, und dann habe er seinen Vornamen in Iljas geändert und arbeite jetzt als Fernfahrer. Als er, schon von jedem Verdacht bereinigt, nach Hause fliegen wollte, verhinderten andere Passagiere, dass er an Bord kam. Endlich zu Hause angekommen, erfuhr Nikitin, dass ihm sein Arbeitgeber auf Empfehlung des örtlichen Geheimdienstes gekündigt hatte. Erst nach einem öffentlichen Aufschrei wurde die Kündigung zurückgenommen. Im Falle Nikitins ist sich die Öffentlichkeit ziemlich einig: Hätte er sich nicht gestellt, wäre er bei der Festnahme erschossen und seine Leiche als großer Fahndungserfolg präsentiert worden. Dieses Schema ist aus dem Nordkaukasus bekannt und wird seit Jahren von Bürgerrechtlern angeprangert. Als Ex-Elitesoldat soll Nikitin das Risiko sofort erkannt haben, als er sein Foto im Fernsehen sah.

          Digital manipulierte Zeitangaben

          In der Zwischenzeit sprachen die Behörden von einem Selbstmordattentat. Eines der ersten identifizierten Opfer des Anschlags wurde als möglicher Täter genannt. Das einzige belastende Indiz war wohl der kasachische Name des Opfers. Bald stellte sich heraus, dass der junge Mann ein völlig unauffälliger, harmloser Wirtschaftsstudent war, der noch wenige Minuten vor dem Anschlag mit seinen Kommilitonen auf dem Bahnsteig plauderte. Es darf wohl nicht überraschen, dass die aktuelle Version der Behörden von der Öffentlichkeit mit großem Misstrauen betrachtet wird.

          Nach den letzten Angaben soll der Täter ein aus Kirgistan stammender junger Mann sein, der schon lange in Russland gelebt und sich vor etwa zwei Jahren radikalisiert habe. Zunächst wurde behauptet, man habe diesen Verdächtigen in seiner Heimat lebend gesehen. Jetzt, wo die amtlich genannte Person des Täters nicht mehr angezweifelt wird, kommen andere Unstimmigkeiten zutage. Die Petersburger Businesszeitung „Delowoj Peterburg“ verglich offizielle Informationen mit den Fotos aus der Metro, die die Augenzeugen in sozialen Netzwerken posteten, und stellte fest, dass die Uhren auf den Fotos eine ganz andere Zeit zeigen, als die Behörden angeben. Der Unterschied betrage etwa 30 Minuten. Auch widersprächen die Bilder dem vermeintlichen Tathergang. Des Weiteren fanden die Journalisten digital manipulierte Zeitangaben auf den veröffentlichten Überwachungsbildern des mutmaßlichen Täters. Besondere Skepsis erweckt der zweite, nicht explodierte Sprengsatz, der in der Metro gefunden wurde. In den ersten Nachrichtenagenturmeldungen war nämlich von zwei Explosionen die Rede, das wurde später korrigiert.

          Nicht nur Liberale und Regimegegner haben kein Vertrauen in die Sicherheitsbehörden. Ein Petersburger beschloss, die Rettung des Vaterlandes in die eigenen Hände zu nehmen, und fackelte nach dem Anschlag auf die Metro ein ganzes Dorf ab, in dem sich seiner Meinung nach „Mudschahedin“, also islamische Glaubenskrieger, verschanzten. Die Bewohner eines der brennenden Häuser konnten die Feuerwehr alarmieren. Den ankommenden Feuerwehrwagen rammte der Brandstifter frontal mit seinem Wolga, griff die Rettungskräfte mit Pfefferspray an und fällte anschließend einen Baum über die Straße. Danach stellte er sich der Polizei. Diese Nachricht gilt in Russland als eine fast schon lustige Bagatelle. Die Medien sind vor allem mit dem amerikanischen Schlag auf Syrien und dem „Verräter Trump“ beschäftigt.

          Eine Trauerfabrik innerhalb der Propagandaindustrie

          Die für alle Ermittlungen der Terroranschläge in Russland typische Intransparenz ergibt in Kombination mit dem unverhüllten politischen Missbrauch von Attentaten durch den Kreml einen fruchtbaren Boden für allerlei Spekulationen, Mutmaßungen und regelrechte Verschwörungstheorien. Im Fernsehen werben regierungsnahe Experten und der Internetbeauftragte des Kremls für das Verbot von Messenger-Apps und eine Einschränkung des Internetzugangs. Noch am Tag des Anschlags haben die Behörden für diesen Sonntag Trauerkundgebungen angekündigt, just da, wo zwei Wochen zuvor Massenproteste stattfanden.

          Angeblich spontane Trauerveranstaltungen gab es bereits in Moskau und Sankt Petersburg, dabei haben unabhängige Journalisten in Moskau einige Teilnehmer identifiziert und sind zu dem Schluss gekommen, dass es sich bei ihnen um Mitarbeiter einer regelrechten Trauerfabrik innerhalb der Propagandaindustrie handelt. Dieselben Leute, die man auch als Teilnehmer der kremlnahen reaktionären Bewegung Anti-Majdan kennt, wurden in Fernsehberichten über ebenfalls angeblich spontane Trauerveranstaltungen zu Ehren des verstorbenen UN-Gesandten Witalij Tschurkin, des ermordeten Botschafters Andrej Karlow oder der beim Absturz eines Militärfliegers umgekommenen Aktivistin Lisa Glinka erkannt.

          Alle Veranstaltungen laufen nach demselben Szenario ab: Für die Kameras werden immer die gleichen Blumen niedergelegt, nach dem Ausschalten der Kameras landen die übriggebliebenen Blumen in den Mülltonnen. Eine ähnliche Struktur steht vermutlich hinter nahezu identischen Trauermeldungen in sozialen Netzwerken und hinter Attacken auf halbwegs prominente Skeptiker, deren öffentliche Äußerungen von der offiziellen Trauerlinie abweichen. Dafür ist die Empörung darüber, dass das Brandenburger Tor nicht mit den Farben der russischen Fahne beleuchtet wurde, in Russlands Medien und sozialen Netzwerken groß. Dabei geht dort kaum jemand auf eigene Initiative mit der nationalen Fahne auf die Straße, um seine Trauer um die Opfer oder seine Solidarität mit den Überlebenden zum Ausdruck zu bringen. Die Terroranschläge zeigen vor allem eins: Das Sicherheitsversprechen, mit dem Wladimir Putin vor gut achtzehn Jahren an die Macht kam, konnte er nicht einhalten. Die Härte seiner Politik, die Einschränkung der Bürgerrechte, die Aufstockung der Polizei, die Massenüberwachung, der blutige Krieg und das diktatorische Regime in Tschetschenien, die Unterstützung Assads und der angebliche Kampf gegen den IS in Syrien machen das Leben in Russland nicht sicherer. Zu Beginn von Putins Präsidentschaft konnte er die Russen noch mit harter Rhetorik überzeugen. Jetzt wird mit jedem Anschlag das Vertrauen in den Staat geschwächt. Das spricht mehr für die Inkompetenz der Geheimdienste als für ihre Beteiligung am Terror. Im verschwörungsbesessenen Russland ist es ein starkes Argument.

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