https://www.faz.net/-gqz-8wptr

Russland nach dem Anschlag : Terror macht Paranoia

  • -Aktualisiert am

Nicht nur Liberale und Regimegegner haben kein Vertrauen in die Sicherheitsbehörden. Ein Petersburger beschloss, die Rettung des Vaterlandes in die eigenen Hände zu nehmen, und fackelte nach dem Anschlag auf die Metro ein ganzes Dorf ab, in dem sich seiner Meinung nach „Mudschahedin“, also islamische Glaubenskrieger, verschanzten. Die Bewohner eines der brennenden Häuser konnten die Feuerwehr alarmieren. Den ankommenden Feuerwehrwagen rammte der Brandstifter frontal mit seinem Wolga, griff die Rettungskräfte mit Pfefferspray an und fällte anschließend einen Baum über die Straße. Danach stellte er sich der Polizei. Diese Nachricht gilt in Russland als eine fast schon lustige Bagatelle. Die Medien sind vor allem mit dem amerikanischen Schlag auf Syrien und dem „Verräter Trump“ beschäftigt.

Eine Trauerfabrik innerhalb der Propagandaindustrie

Die für alle Ermittlungen der Terroranschläge in Russland typische Intransparenz ergibt in Kombination mit dem unverhüllten politischen Missbrauch von Attentaten durch den Kreml einen fruchtbaren Boden für allerlei Spekulationen, Mutmaßungen und regelrechte Verschwörungstheorien. Im Fernsehen werben regierungsnahe Experten und der Internetbeauftragte des Kremls für das Verbot von Messenger-Apps und eine Einschränkung des Internetzugangs. Noch am Tag des Anschlags haben die Behörden für diesen Sonntag Trauerkundgebungen angekündigt, just da, wo zwei Wochen zuvor Massenproteste stattfanden.

Angeblich spontane Trauerveranstaltungen gab es bereits in Moskau und Sankt Petersburg, dabei haben unabhängige Journalisten in Moskau einige Teilnehmer identifiziert und sind zu dem Schluss gekommen, dass es sich bei ihnen um Mitarbeiter einer regelrechten Trauerfabrik innerhalb der Propagandaindustrie handelt. Dieselben Leute, die man auch als Teilnehmer der kremlnahen reaktionären Bewegung Anti-Majdan kennt, wurden in Fernsehberichten über ebenfalls angeblich spontane Trauerveranstaltungen zu Ehren des verstorbenen UN-Gesandten Witalij Tschurkin, des ermordeten Botschafters Andrej Karlow oder der beim Absturz eines Militärfliegers umgekommenen Aktivistin Lisa Glinka erkannt.

Alle Veranstaltungen laufen nach demselben Szenario ab: Für die Kameras werden immer die gleichen Blumen niedergelegt, nach dem Ausschalten der Kameras landen die übriggebliebenen Blumen in den Mülltonnen. Eine ähnliche Struktur steht vermutlich hinter nahezu identischen Trauermeldungen in sozialen Netzwerken und hinter Attacken auf halbwegs prominente Skeptiker, deren öffentliche Äußerungen von der offiziellen Trauerlinie abweichen. Dafür ist die Empörung darüber, dass das Brandenburger Tor nicht mit den Farben der russischen Fahne beleuchtet wurde, in Russlands Medien und sozialen Netzwerken groß. Dabei geht dort kaum jemand auf eigene Initiative mit der nationalen Fahne auf die Straße, um seine Trauer um die Opfer oder seine Solidarität mit den Überlebenden zum Ausdruck zu bringen. Die Terroranschläge zeigen vor allem eins: Das Sicherheitsversprechen, mit dem Wladimir Putin vor gut achtzehn Jahren an die Macht kam, konnte er nicht einhalten. Die Härte seiner Politik, die Einschränkung der Bürgerrechte, die Aufstockung der Polizei, die Massenüberwachung, der blutige Krieg und das diktatorische Regime in Tschetschenien, die Unterstützung Assads und der angebliche Kampf gegen den IS in Syrien machen das Leben in Russland nicht sicherer. Zu Beginn von Putins Präsidentschaft konnte er die Russen noch mit harter Rhetorik überzeugen. Jetzt wird mit jedem Anschlag das Vertrauen in den Staat geschwächt. Das spricht mehr für die Inkompetenz der Geheimdienste als für ihre Beteiligung am Terror. Im verschwörungsbesessenen Russland ist es ein starkes Argument.

Weitere Themen

„I Am Greta“ Video-Seite öffnen

Filmtrailer : „I Am Greta“

„I Am Greta“ läuft seit Freitag, den 16. Oktober, in den deutschen Kinos.

Anklage gegen sechs russische Hacker

Nach FBI-Ermittlungen : Anklage gegen sechs russische Hacker

Die amerikanische Justiz macht mehrere Männer, die Teil des russischen Militärgeheimdienstes sein sollen, für großangelegte Cyberangriffe auf die Olympischen Spiele in Südkorea, auf Krankenhäuser, Parteien und viele weitere Attacken verantwortlich.

Topmeldungen

Islamistischer Mord an Lehrer : Die Angst regiert

„Die Lehrer sind Zielscheiben“: Nach dem Mord an Samuel Paty kann Frankreich die islamistische Bedrohung von Schulen nicht länger leugnen. Wird das Land auch diesmal versuchen, seine Konflikte in Erinnerungspolitik aufzulösen?
Pendler sitzen mit Mund-Nase-Masken am 15. Oktober in einem Bus in Paris

Paris, Madrid, Rom und London : Wie Corona Regionen und Hauptstädte entzweit

Nicht nur in Deutschland wird darüber gestritten, wie viel Einheitlichkeit in der Corona-Pandemie landesweit nötig ist. Frankreich, Spanien, Italien und Großbritannien gehen dabei ganz unterschiedliche Wege.
Die Wall Street in New York: Anleger reagieren verunsichert auf das Tauziehen um ein neues Corona-Hilfspaket in Washington.

Wall Street verunsichert : Tauziehen um Corona-Hilfspaket in Washington

Die Hoffnung, dass Demokraten und Republikaner sich noch vor der Präsidentschaftswahl auf ein neues Corona-Hilfspaket einigen, wird immer kleiner. Immerhin haben sich beide Seiten am Montag angenähert. An der Wall Street kam es dennoch zu starken Verlusten.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.