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Russland nach dem Anschlag : Terror macht Paranoia

  • -Aktualisiert am

Ermittlungsergebnisse : Kirgise wohl für Petersburger Anschlag verantwortlich

Dabei waren die behördlichen Informationen hochgradig verwirrend. Zuerst wurde behauptet, der Täter habe eine Aktentasche mit dem Sprengsatz im Waggon abgestellt, sei aber selbst ausgestiegen. Es wurde auch ein Foto von den Überwachungskameras verbreitet, das einen hageren bärtigen Mann in islamischer Tracht zeigte. Wenig später stand der Mann in einem Polizeirevier und konnte glaubwürdig beweisen, dass er mit dem Anschlag nichts zu tun hat: Der Hauptmann der Luftlandetruppen Andrej Nikitin, der als Sohn einer tatarischen Mutter in der mehrheitlich muslimischen Region Baschkirien aufwuchs, sei laut Medienberichten nach dem Kriegseinsatz in Tschetschenien aus dem Militärdienst geschieden und frommer Muslim geworden, und dann habe er seinen Vornamen in Iljas geändert und arbeite jetzt als Fernfahrer. Als er, schon von jedem Verdacht bereinigt, nach Hause fliegen wollte, verhinderten andere Passagiere, dass er an Bord kam. Endlich zu Hause angekommen, erfuhr Nikitin, dass ihm sein Arbeitgeber auf Empfehlung des örtlichen Geheimdienstes gekündigt hatte. Erst nach einem öffentlichen Aufschrei wurde die Kündigung zurückgenommen. Im Falle Nikitins ist sich die Öffentlichkeit ziemlich einig: Hätte er sich nicht gestellt, wäre er bei der Festnahme erschossen und seine Leiche als großer Fahndungserfolg präsentiert worden. Dieses Schema ist aus dem Nordkaukasus bekannt und wird seit Jahren von Bürgerrechtlern angeprangert. Als Ex-Elitesoldat soll Nikitin das Risiko sofort erkannt haben, als er sein Foto im Fernsehen sah.

Digital manipulierte Zeitangaben

In der Zwischenzeit sprachen die Behörden von einem Selbstmordattentat. Eines der ersten identifizierten Opfer des Anschlags wurde als möglicher Täter genannt. Das einzige belastende Indiz war wohl der kasachische Name des Opfers. Bald stellte sich heraus, dass der junge Mann ein völlig unauffälliger, harmloser Wirtschaftsstudent war, der noch wenige Minuten vor dem Anschlag mit seinen Kommilitonen auf dem Bahnsteig plauderte. Es darf wohl nicht überraschen, dass die aktuelle Version der Behörden von der Öffentlichkeit mit großem Misstrauen betrachtet wird.

Nach den letzten Angaben soll der Täter ein aus Kirgistan stammender junger Mann sein, der schon lange in Russland gelebt und sich vor etwa zwei Jahren radikalisiert habe. Zunächst wurde behauptet, man habe diesen Verdächtigen in seiner Heimat lebend gesehen. Jetzt, wo die amtlich genannte Person des Täters nicht mehr angezweifelt wird, kommen andere Unstimmigkeiten zutage. Die Petersburger Businesszeitung „Delowoj Peterburg“ verglich offizielle Informationen mit den Fotos aus der Metro, die die Augenzeugen in sozialen Netzwerken posteten, und stellte fest, dass die Uhren auf den Fotos eine ganz andere Zeit zeigen, als die Behörden angeben. Der Unterschied betrage etwa 30 Minuten. Auch widersprächen die Bilder dem vermeintlichen Tathergang. Des Weiteren fanden die Journalisten digital manipulierte Zeitangaben auf den veröffentlichten Überwachungsbildern des mutmaßlichen Täters. Besondere Skepsis erweckt der zweite, nicht explodierte Sprengsatz, der in der Metro gefunden wurde. In den ersten Nachrichtenagenturmeldungen war nämlich von zwei Explosionen die Rede, das wurde später korrigiert.

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