https://www.faz.net/-gqz-co8

Russland : Im Angesicht des Verbrechens

Ein Kameramann filmt die Stelle in Moskau, an der der russische Journalist Oleg Kaschin niedergeschlagen wurde Bild: dpa

Unsere Korrespondentin in Moskau schickt jeden Tag eine E-Mail an alle Redakteure mit den neuesten Ereignissen aus ihrer Stadt. Die Zuschriften der letzten sechs Wochen, angereichert mit kurzen Erläuterungen, ergeben ein Tagebuch des Schreckens aus dem Russland der Gegenwart.

          7 Min.

          11.10.2010

          Kerstin Holm

          Redakteurin im Feuilleton.

          1. Im Süden Moskaus geriet ein Jaguar auf die Gegenfahrbahn & verursachte eine Karambolage mit vier weiteren Autos: die Insassen des Jaguars tot, vier Personen im Krankenhaus.

          2. Im moskaunahen Klimowsk überfuhr ein betrunkener Polizist, der ohne Papiere unterwegs war (der Ordnungshüter ist ja Subjekt, nicht Objekt von Kontrolloperationen), auf dem Zebrastreifen eine Frau (50 J.).
          Sie kam mit Knochenbrüchen sowie Schädel- und Gehirntraumata ins Krankenhaus.

          Russlands „Tschetschenien”: Ein Protestant wird im  Wald von Chimki abgeführt

          13.10.2010

          1. Ein Student (19 J.) fuhr um Mitternacht mit einem Landrover durch den Fußgängerbereich des Alexandergartens am Kreml zum Ewigen Feuer, wurde später gestoppt, soll Sohn eines tschetschenischen Geschäftsmanns sein.
          Surcho Taramow, immatrikuliert an der Diplomatenschmiede MGIMO, wollte seinen Freunden, einem arbeitslosen Moskauer (20 J.) und zwei Mädchen (18 und 17 J.) aus der Provinz, die Hauptstadt bei Nacht zeigen. Der Landrover gehört seinem Vater, Supjan Taramow, der im Tschetschenienkrieg auf der Seite der Moskautreuen kämpfte und heute eine Bierbrauerei besitzt sowie im Baugewerbe tätig ist.

          2. Der Inspektor im Fall des im Untersuchungsgefängnis zu Tode gequälten Juristen Sergej Magnitzki, Oleg Siltschenko, wurde in den Rang eines Oberstleutnants befördert (Siltschenko war dafür verantwortlich, dass Magnitzki in der Haft keine ärztliche Behandlung bekam und seine Angehörigen nicht sehen durfte).
          Siltschenko leitete die Ermittlungen gegen den Moskauer Rechtsanwalt des Investmentfonds Hermitage Capital Management, Magnitzki, der 2008 wegen angeblichen Verdachts auf Beihilfe zur Steuerhinterziehung verhaftet wurde und ein Jahr später, nachdem er sich unter unmenschlichen Haftbedingungen und wegen systematischen Wasserentzugs eine Bauchspeicheldrüsenentzündung zugezogen hatte, qualvoll starb. Magnitzki hatte im Verhör zwei Milizfahnder bezichtigt, sie hätten bei einer Durchsuchung bei Hermitage Capital Dokumente dreier Tochterfirmen konfisziert, die dann dazu dienten, unter dem Vorwand einer Steuerrückzahlung, den Staatshaushalt um 142 Millionen Euro zu erleichtern. Dass er trotz der Misshandlungen im Gefängnis seine die Ordnungshüter belastenden Aussagen nicht zurückzunehmen bereit war, kostete ihn das Leben.

          18.10.2010

          Südlich von Moskau fuhr ein Milizionär eine Frau tot.

          22.10.2010

          In Moskau zettelte ein betrunkener Milizionär in einem Café eine Massenschlägerei an - von zwanzig beteiligten Personen landeten vier im Krankenhaus. Der Milizionär wurde rückwirkend entlassen.

          Der Milizionär hatte im Nachtklub „Artefakt „ mit dessen Sicherheitsmannschaft gestritten und zur Verstärkung Freunde geholt, von denen einer einen Clubbesucher mit dem Messer angriff. Der Milizionär selbst schoss einen Wachmann an. Durch die rückwirkende Entlassung des Mitarbeiters schützt sich das Innenministerium auch vor eventuellen Schadensersatzforderungen seiner Opfer.

          27.10.2010

          Der Bentley-Fahrer, der im September in Moskau einen Passanten totfuhr & Fahrerflucht beging, wurde gefasst; es ist ein junger Mann (26 J.) aus Karatschajewo-Tscherkessien im Nordkaukasus.

          Weitere Themen

          Eine runde Sache

          „The Circle“ auf Netflix : Eine runde Sache

          Im Social-Media-Experiment „The Circle“ werden Fragen offen ausgesprochen, die sonst in unserem Unterbewusstsein hausen. Es ist faszinierend, dabei zuzusehen.

          Diese Stadt ist ein großer Roboter

          FAZ Plus Artikel: Toyotas Smart City : Diese Stadt ist ein großer Roboter

          Weil die smarten Dinge, die sie verkaufen, mit den existierenden Städten und ihren Bewohnern nicht so gut klarkommen, bauen die großen Firmen ab sofort ihre eigenen Städte – so wie Toyota bei Tokio. Was heißt das für die Frage, wie wir in Zukunft leben?

          Topmeldungen

          Baden-Württemberg, Stuttgart: Ein Mercedes-Stern dreht sich auf dem Daimler-Werk in Untertürkheim. Die weltweiten Rückrufe und Verfahren im Zusammenhang mit dem Dieselskandal kosten den Autobauer Daimler für 2019 nochmals bis zu 1,5 Milliarden Euro zusätzlich.

          Folgen des Diesel-Skandals : Nächster Tiefschlag für Daimler

          Analysten und Anleger sind nervös: Der Autokonzern muss einen weiteren Milliardenbetrag für Diesel-Altlasten zurückstellen. Und auch die Van-Sparte leidet unter einer ganzen Reihe hausgemachter Schwierigkeiten. Ein Beobachter spricht von „einem traurigen Tag für alle Beteiligten“.

          F.A.Z. Podcast für Deutschland : 100 Milliarden Euro für die Freundschaft

          Heute jährt sich der Aachener Vertrag zwischen Deutschland und Frankreich. Wie steht es um die deutsch-französische Freundschaft? Und was hat es mit dem militärischen 100-Milliarden-Euro-Projekt auf sich? Außerdem: Was wir aus Jeff Bezos Handyhack lernen können und warum die Dinosaurier wirklich ausstarben.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.