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Russland hinter Gittern : Knastland

Obwohl der größte Teil der Gefängnisinsassen Männer sind, besteht der aktive Kern des „Einsitzenden Russland“ überwiegend aus Frauen. Von ihnen bezeichnen sich die meisten als „Dekabristinnen“, wie die Gattinnen von unrechtmäßig Verurteilten nach den Dezemberaufständischen von 1825 genannt werden, die für die Freilassung ihrer Männer kämpfen. Beispielsweise die energische Lora Kudelko, die noch vor Olga Romanowa ihren Nikolai aus der „Zone“ holte. Oder die mädchenhafte Valentina Kankia, deren Gatte Stanislaw wegen fingierter Unterschlagungsvorwürfe im Gefängnis landete und schwer erkrankte. Nach einer Flut von Publikationen darüber, wie das Gericht Stanislaw Kankias Zustand ignorierte, wurde er jetzt immerhin in die Serbski-Klinik für Psychiatrie verlegt.

Schikanen für Mütter und ihre Kinder

Außerdem sind verurteilte Schwangere, die in Haft ein Kind zur Welt bringen müssen, zu beraten und zu betreuen. Um sie kümmert sich die ehemalige Immobilienunternehmerin aus Ufa, Mascha Noel, deren siebenjähriger Sohn Wadim im Frauengefängnis von Tscheljabinsk geboren wurde. Auch Mascha Noel ist eine „Ökonomische“, verurteilt nach Paragraph 159. Sie verlor ein florierendes Geschäft und ihre Freiheit, nachdem sie ein Objekt verkauft hatte, dessen gut vernetzter Mitbesitzer es sich plötzlich anders überlegte. Da Frau Noel gute Anwälte hatte, ließ er Gewaltbeamte die Sache brachial zu seinen Gunsten entscheiden.

Mascha Noel entrüstet sich über die Barbarei, dass werdende Mütter in Russland überhaupt eingesperrt werden. Im Straflager dürfen die Frauen ihr Kind nur zweimal täglich eine Stunde sehen. Strafvollzugsbeamte begründen die absurde Regelung damit, dass die Kleinen von der Mama sonst Fluchwörter lernen könnten. Fünfeinhalb Jahre in der „Zone“ hätten die Geschäftsfrau in ihr getötet, sagt die kurzgeschorene Mascha, die ihr Rehabilitierungsverfahren gerade erst vorbereitet. Inzwischen hat sie eine Zweitkarriere als Journalistin begonnen. Um der Ersparnis und der gegenseitigen Hilfe willen ist sie mit einer „Dekabristin“ zusammengezogen, Elena Pak, deren Mann Wladislaw Truschtschenko ebenfalls nach dem klassischen Muster gemäß Paragraph 159 hinter Gittern kam. Truschtschenko hatte in Moskau eine Wohnung gekauft, woraufhin Betrugsvorwürfe des früheren Besitzers ihn in Untersuchungshaft brachten.

Die fatalen Folgen eines Brandes

Doch auch die nach dem „armen“ Paragraphen für Taschendiebstahl dreifach vorbestrafte Swetlana Tarassowa, eine verhärmte alleinstehende Mutter mit glühenden Augen, findet beim „Einsitzenden Russland“ Beistand. Swetlana ist ohne Eltern in Südrussland aufgewachsen, wo sie ihr „Handwerk“ auf Märkten und in überfüllten Bussen lernte. Im Gefängnis kapselte sie sich apathisch ab. Vor der letzten Verurteilung schwängerte sie ein junger „Kollege“. Mit dem Kind im Leib sei sie ein anderer Mensch geworden, sagt sie.

Auf einen Schlag wurde sie ehrlich, aufgeschlossen, wollte alles für ihr Kind tun. In der Gefängniskrippe, wo ihre Tochter Xenia die ersten Lebensjahre verbrachte, machte sie sich durch Fleiß und Zuverlässigkeit unentbehrlich. Danach fand sie auch draußen Jobs. Bis vor drei Jahren das Holzhaus in der Moskauer Vorstadt, wo die Tarassows lebten, infolge eines Kurzschlusses abbrannte und mit ihm alle Habe und Dokumente. Erst nachdem sich Olga Romanowa, die Übermutter von Russlands Häftlingen, persönlich bei einem Beamten für Swetlana verwandte, darf diese jetzt hoffen, bald wieder zur legalen Bürgerin ihres Landes zu werden.

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