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Russland hinter Gittern : Knastland

Um die Wiederherstellung seines guten Namens prozessiert auch der ausgebildete Flugzeugingenieur Valeri Gaiduk, ebenfalls ein „159er“, der dreieinhalb Jahre hinter Gittern verbrachte. Wie Koslow kommt Gaiduk regelmäßig zu den Mittwochstreffen, wo neue Mitglieder und Fälle vorgestellt und die letzten Neuigkeiten sowie fachmännische Ratschläge ausgetauscht werden. Als technischer Unternehmer hatte Gaiduk in den neunziger Jahren in bester Hauptstadtlage ein zahnärztliches Zentrum aufgebaut und um die Jahrtausendwende eine gut vernetzte Mitarbeiterin der medizinischen Verwaltung des Kremls zu seiner Teilhaberin gemacht. Als sie mit Hilfe eines gefälschten Dokuments ihren Mann zum Unterschriftsberechtigten machen wollte, wollte Gaiduk sich von ihr trennen. Da klagte sie ihn an, er habe sie betrogen und bedroht und konnte erreichen, dass er für gemeingefährlich erklärt und eingesperrt wurde. Während Gaiduk in Untersuchungshaft den Abschluss der Ermittlungen erwartete, ließ sie das Dentalzentrum in einem Strohfirmenkonglomerat aufgehen und verlegte dessen juristische Adresse in die Wüstenrepublik Kalmykien. Die Praxisräume wurden der inzwischen pensionierten Ex-Teilhaberin überschrieben, deren Vermietung ihr und ihrem Gatten nun den Lebensabend vergoldet.

Eine Schnur als Verbindung zur Außenwelt

Von den nach Paragraph 159 Verurteilten säße rund ein Drittel bis die Hälfte unschuldig, schätzt Gaiduk. Die meisten hätten eine Firma oder eine Wohnung besessen, die für einflussreiche Leute attraktiv waren. Wie jener Freund und Mithäftling Gaiduks, der Kardiologe Wladimir Waraksin, dessen ererbte Wohnung am Moskauer Stadtrand ein örtlicher Milizchef für erschwindelt erklären und dann selbst übernehmen konnte. Das Gefängnis ist ein guter Test, der wirklich zeigt, was in einem Menschen steckt, sagt Gaiduk. Man werde dort faktisch transparent. Jedes Wort, jede Geste werde von den Mitinsassen genau registriert. Etwas Essbares geschickt zu bekommen und es mit den andern nicht zu teilen, sei undenkbar. Um nicht abzubauen, müsse man versuchen, intensiv zu leben. Er habe vor allem viel gelesen. Sein Kamerad Waraksin, der immer noch einsitzt, behandelte die vielen kranken Häftlinge und wollte im Lager sogar ein Behandlungszimmer einrichten.

Das eigentliche Leben im Gefängnis beginne nachts, sagt Gaiduk. Dann kommt die informelle Häftlingspost in Bewegung, jenes auf Fensterhöhe um die Außenmauer des Zellentrakts gespannte Schnursystem namens „Straße“ (Doroga), das Beutel mit Geld und kleinen Gegenständen befördert. Damit kann man sich beispielsweise drei Uhr nachts, wenn die Wachen schlafen, für fünfzehn Minuten ein Mobiltelefon ausleihen. Zu haben sei beinahe alles, freilich zu einem dem organisatorischen Sonderaufwand entsprechenden Aufpreis. Ein Smartphone oder Medikament koste doppelt soviel wie „draußen“. Dazu komme noch die Gebühr für die „Beine“ des Gefängnis- oder Justizbeamten, der es zustellt, und für die, je nach Strenge der Haftbedingungen, zusätzlich fünfhundert bis tausend Dollar zu veranschlagen sind.

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