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Russland : Der Weg des Bären

  • -Aktualisiert am

Der Meister und seine Marionette: Dimitri Medwedjew und Wladimir Putin Bild: dpa

Abschied von einer Zeit der falschen Illusionen: Russland befällt nach Putins selbstherrlicher Ankündigung, die Nachfolge von Regierungschef Medwedjew anzutreten, ein zähes Ekelgefühl.

          Die Übelkeit will nicht verschwinden. Das ist es, was man von den politisch engagierten Russen heutzutage am häufigsten hört. Natürlich hätten alle darauf gewartet, dass Wladimir Putin sich wieder zum Präsidenten machen lassen will, nachdem er Dmitrij Medwedjew als Platzwärmer installierte, der als Erstes die Amtszeit des Staatsoberhaupts von vier auf künftig sechs Jahre verlängerte, erklärt die Wirtschaftsjournalistin Irina Jassina. Aber als es dann passierte, habe ein zähes Ekelgefühl sie und ihre Bekannten befallen. Leute, die, durch Medwedjew ermuntert, etwas für ihr Land tun oder wenigstens wählen gehen wollten, empfinden sich als völlig überflüssig. Der liberale Präsidentenberater Arkadi Dworkowitsch sprach für viele, als er über Twitter verkündete, es sei Zeit, auf den Sportkanal umzuschalten.

          Kerstin Holm

          Redakteurin im Feuilleton.

          Die „Nowaja gaseta“ machte mit einer Porträtgalerie auf, die das Aussehen von Putin und seinen Vertrauten in zwölf Jahren, so lange, wie Russlands De-facto-Monarch dem Gesetz nach den Präsidententhron innehaben kann, extrapolierte. Unter der schwarz unterlegten Schlagzeile „Eingegangen in die Ewigkeit“ prangen die erschlafften Mienen des Dauerpräsidenten, seines Schattens Medwedjew, der Minister Schoigu, Fradkow, Iwanow mit gelichtetem Haar, fransigen Brauen und ordenbehängter Brust. Der Politologe vom Moskauer Carnegie-Zentrum Alexej Malaschenko schreibt in seinem Blog, ihn verfolge die Vision seines Urenkels, der in dreißig Jahren immer noch das zahnlose Genuschel des jetzigen „Nationalen Führers“ anhören müsse. Auch die lebenslustige Kunsthistorikern Nina Kuriewa bekennt, seit dem Wochenende komme sie sich vor wie eine alte Frau. Die unreife russische Gesellschaft sei endgültig um die Chance betrogen worden, Solidarität zu entwickeln, glaubt Nina, und werde sich infantil autistisch ins Privatleben zurückziehen.

          Medwedjews symbolische Kastration

          Der Spitzname, der für die politische Doppelspitze gebräuchlich ist, Medwedput, bedeutet übersetzt prophetisch „Bärenweg“. Wer in ihrem Paartanz führt, kann man auch daran erkennen, dass Medwedjew den Gang und die Sprechweise Putins nachahmt. Malaschenko findet sogar, dass die Gesichter der zwei einander immer mehr ähnelten und beide zusammen wirkten wie ein Kreuz-Bube, mit dem russische Wahrsager Ideenreichtum, Aktivität, aber auch Unehrlichkeit assoziieren. Putin hat Medwedjew hart zurückgesetzt. Als künftiger Regierungschef wird er die schmerzhaften Kürzungen im Sozialsektor veranlassen müssen. Zuvor soll er noch die vom Volk verabscheute Elite-Partei des „Einheitlichen Russland“ zum Wahlsieg führen, der trotz der massiven Fälschungen, die erwartet werden, dünner ausfallen dürfte als vor vier Jahren. Auch dafür wird der Twitter- beziehungsweise Nano-Präsident, wie Medwedjews Spottnamen lauten, verantwortlich sein.

          Eine Machtpyramide baut man durch symbolische Kastration. Medwedjew wurde, wie es den Gefängnissitten und der Sowjetpsychologie entspricht, mitleidlos, ja hämisch fallengelassen, sagt Nina Kuriewa. Alle Beobachter merkten an, wie verzweifelt sein Lächeln gewirkt habe, als er Putin zu seinem Nachfolger erklären musste. Das, was ihn menschlich machte, wirkte zugleich lächerlich, findet Nina Kuriewa. Umso giftiger verteidigte Medwedjew seinen zweiten Platz. Finanzminister Kudrin, der in Amerika verkündet hatte, unter einem Regierungschef Medwedjew wolle er nicht arbeiten, wurde von ihm in der übertrieben jedes einzelne Wort betonenden Putin-Sprechweise zurechtgewiesen. Subordination gelte auch für ihn, hielt Medwedjew Kudrin in gestanzten Worten vor und verlangte von dem Klügeren, sich von Differenzen mit dem Nochpräsidenten loszusagen, wenn er Minister bleiben wolle.

          Der Blogger Anton Orech postet eine ganze Liste namentlich nicht genannter, aber intellektuell und sozial potenter Juristen, Journalisten, Aktivisten, die jetzt endgültig dem Land den Rücken kehren wollen. Dafür hoffen die Kreml-Ganoven auf ein langes, glückliches Luxusleben, stellt der Rechtsanwalt und Korruptionsbekämpfer Alexej Nawalnyj fest. Sie träumen, so Nawalnyj, von einer lichten Zukunft, wie sie Wladimir Sorokins Texte ausmalen, mit Nano-Pillen, die ihnen ewige Jugend bescheren. Sorokin selbst indessen gesteht, dass ihn die Glocke mit stickiger Luft, von der er sich auf einmal umfangen fühle und die ihn sehr an die sowjetische Stagnationszeit erinnere, fast erleichtere. Der Mief und die Hoffnungslosigkeit, sagt Sorokin, seien für ihn leichter zu ertragen als die verlogene Medwedjew-Zeit mit ihren falschen Illusionen.

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