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Abschuss von Flug MH17 : Russisches Lockerbie

Wrackteil der abgeschossenen Malaysia Airlines Flug MH17 Bild: REUTERS

Nach dem Flugzeugabschuss im Osten der Ukraine steht der Kreml am Abgrund. Russlands Ansehen sinkt in den Augen des Westens immer tiefer. Das Putin-Regime droht an seiner Selbstüberschätzung unterzugehen. Eine Analyse.

          Der Abschuss der malaysischen Passagiermaschine über ostukrainischem Kriegsgebiet setzt eine Zäsur, die womöglich den Anfang vom Ende des Putin-Regimes einläutet. Russlands Intellektuelle gehen davon aus, dass die Katastrophe Folge eines Versehens war, allem Anschein nach von den antiukrainischen Rebellen, die ein Luftabwehrsystem „Buk“ bedienten, das Russland lieferte, die Lieferung aber zugleich leugnet. Indem die Staatsführung aber wie ein ertappter Lügner auf die Tragödie reagierte, ohne menschliche Emotionen, habe sie sich jenseits des von ihr so oft beschworenen Christentums gestellt, hört man jetzt oft.

          Kerstin Holm

          Redakteurin im Feuilleton.

          Die Politik der Mobilisierung des gesellschaftlichen Bodensatzes, die Putin seit 2003 betreibt, sei, wie endlich offen zutage trete, auch die Grundlage seiner Außenpolitik, urteilt der Historiker Wladimir Pastuchow. Putins Regime sei an einem Punkt angekommen, wo es vom Gegner des Westens zum politischen Paria abzusteigen drohe, erklärt der Chefredakteur und Besitzer der „Nesawisimaja Gaseta“, Konstantin Remtschukow.

          Unter Druck wie nie zuvor: der russische Präsident Wladimir Putin

          Die Moskauer Publizistin Julia Latynina nennt den Abschuss ein „echt russisches Lockerbie“. Für die Welt stehe Russland mittlerweile auf einer Stufe mit Gaddafi. Doch während in Fall von Lockerbie 1988 der libysche Diktator Gaddafi angeblich persönlich die Anordnung zum Abschuss des amerikanischen Verkehrsflugzeugs gab und auch etwa dem sowjetischen Abschuss der südkoreanischen Maschine fünf Jahre zuvor eine militärische Entscheidung zugrunde lag, war diese Katastrophe die Folge des russischen Improvisationsprinzips „Awos“ (ungefähr: „auf gut Glück“).

          Freischärler außer Kontrolle

          Ein schreckliches Omen erblickt Latynina außerdem darin, dass erst kurz vor dem Unglück der Erste Russische Fernsehkanal, also die staatliche Propagandamaschine, das Horrormärchen verbreitet hatte, im von der ukrainischen Armee zurückeroberten Slawjansk hätten Soldaten einen kleinen Jungen auf einer Anzeigetafel gekreuzigt. Die zynische Desinformation vom misshandelten Kind sei, so die Journalistin, von der realen Katastrophe mit 298 Toten, unter denen achtzig Kinder waren, mit grausamer Ironie korrigiert worden.

          Russland ist vor allem deswegen so gefährlich, weil es in der Ostukraine wilde Freischärler mit hochentwickelten Waffen unterstützt, ohne Kontrolle über sie zu haben. Diese Leute sind vor allem Straßenschläger, Kleinkriminelle, sonstige Aussteiger, die ihrer Heimat nur Probleme bereiten, sich aber jetzt in der Ukraine austoben und dabei noch einreden dürfen, sie kämpften gegen Faschisten im Dienst des großen Russland. Doch, erklärt Julia Latynina, dass es eine Welt außerhalb von Russland und der Ukraine gibt, übersteigt ihre Vorstellungen.

          Das Phantom des Imperiums

          Doch auch die Insassen des Kremls betrachten die Welt mit nach innen gerichtetem Blick, durch das Prisma ihrer Vorwürfe an sie, ist Pastuchow überzeugt. Wenn sie sich als Fortsetzer des Großrussischen Reiches, selbst der Sowjetunion gerieren, sei das Fiktion. Heutige Russen hätten mit dem Russischen Reich nicht mehr zu tun als zeitgenössische Italiener mit den Großtaten des alten Rom. Bloß auf dem Territorium zu leben, wo sich einmal ein Imperium befand, heiße noch nicht, so Pastuchow, dieses Imperium zu beerben.

          Bergungsarbeiten auf dem Trümmerfeld, das für Russland der Ort einer großen Niederlage sein könnte

          Vom Supermachtstatus, den die Sowjetunion besaß, sei im heutigen Russland nur noch der Status als Atommacht übrig, den inzwischen aber auch Indien, Pakistan, Israel und Südafrika erreicht hätten, argumentiert Pastuchow. Der technologische Rückstand zum Westen vergrößere sich in geometrischer Progression. Wohlstand und politische Stabilität hingen allein an Rohstofferlösen aus ebendiesem Westen.

          Bemerkenswerterweise ähnelt das Spiel, das Russland mit dem Westen spielt, demjenigen, das die Ukraine seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion mit Russland spielte, merkt der Historiker an. Die ukrainischen Eliten pochten gegenüber dem großen östlichen Nachbarland stets auf gleichberechtigte Partnerschaft, sie ignorierten die wirtschaftliche wie militärische Unterlegenheit der Ukraine sowie ihre Abhängigkeit von den Energieressourcen und Märkten Russlands.

          Arbeit für Generationen

          Die Belieferung mit russischen Energieträgern betrachtete die ukrainische Führung als selbstverständlich, zugleich begründete sie ihr nationales Selbstverständnis vor allem auf der Abgrenzung gegen den russischen Imperialismus. Die Profite gehen in den Westen, die Schulden werden vom Osten beglichen, so formuliert Pastuchow die Wirtschaftsphilosophie der beiden schicksalhaft verbundenen Länder, die aus Unverantwortlichkeit und Verblendung die innere Entwicklung hintanstellten. Es gibt genug Arbeit für Generationen.

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