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Strafe für Juri Schewtschuk : „Heimat ist nicht der Hintern des Präsidenten, den man ständig küssen muss“

Ikone des russischen Rock und des russischen Pafizifismus: Juri Schewtschuk Bild: Picture Alliance

Der russische Rockstar Juri Schewtschuk ist zu einer Geldstrafe verurteilt worden, weil er erklärt hatte, Heimat sei nicht der Hintern des Präsidenten, den man dauernd küssen müsse. Damit, so befand ein Gericht im baschkirischen Ufa, habe er die russischen Streitkräfte diskreditiert.

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          Der russische Rockstar und bekennende Pazifist Juri Schewtschuk ist im dritten Anlauf zu einer Geldstrafe von umgerechnet 800 Euro wegen „Diskreditierung der russischen Armee“ verurteilt worden. Schew­tschuk hatte am 18. Mai im baschkirischen Ufa ein Konzert seiner Band DDT mit einer Rede eingeleitet, worin er an die vielen Toten in der Ukraine erinnerte und erklärte, Heimat sei nicht der Hintern des Präsidenten, den man ständig küssen müsse. Heimat sei vielmehr die arme Großmutter, die am Bahnhof Kartoffeln verkaufe. Baschkirische Polizisten verhörten Schewtschuk daraufhin eine Stunde lang, setzten ein Protokoll auf, wonach er die Streitkräfte diskreditiert habe und schickten es in seine Heimatstadt Sankt Petersburg. Doch dessen Gerichte schickten es zurück, mit der Begründung, es sei nicht ersichtlich, inwiefern der Rocksänger die Soldaten beleidigt habe. Medienberichten zufolge sollen sich in Russlands zweiter Hauptstadt alle Richter geweigert haben, den Fall Schewtschuk zu verhandeln. Der Sänger hatte sich immer prinzipiell gegen Krieg ausgesprochen und gegenüber Präsident Putin, einem Petersburger wie er, mehrfach den russischen Totalitarismus, die Pressezensur und das Kastensystem kritisiert. Ein Kommentator schrieb, Schewtschuk gebe ein Beispiel wie man leben solle, nämlich so dass kein Richter es wage, ein Verfahren gegen einen zu eröffnen. Im Juli wurde der Fall an ein Gericht in Ufa überwiesen, das jetzt die Geldstrafe verhängte, freilich ohne Schewtschuk oder seinen Anwalt in Kenntnis zu setzen.

          Kerstin Holm
          Redakteurin im Feuilleton.

          Die Richterin Julia Jegorowa begründete ihr Urteil mit Schewtschuks „negativen Äußerungen“ über den Präsidenten. Sie soll die „arme Großmutter am Bahnhof“ zitiert haben, nicht jedoch den „Hintern des Präsidenten“. Schewtschuk verfasste einen Appell an das Gericht, worin er daran erinnert, dass er immer gegen Kriege aufgetreten sei, ob in Vietnam, Afghanistan, Jugoslawien, Tschetschenien, Abchasien Georgien, Ossetien, Karabach oder Irak. Er sei der Ansicht, politische Probleme müssten auf diplomatischem Weg gelöst werden. Schewtschuks Anwälte beantragten außerdem, das Verfassungsgericht solle prüfen, ob das im März verabschiedete Gesetz gegen die „Diskreditierung der russischen Streitkräfte“ verfassungskonform sei, doch die Richterin gab dem nicht statt. Im Juli wurde in Wladiwostok ein Mann mit einer Geldstrafe belegt, weil ein Plakat mit dem Schewtschuk-Zitat „Die Heimat ist nicht der Hintern des Präsidenten, den man dauernd küssen muss“ emporgehalten hatte.

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