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Russischer Journalist Borodin : Ein wirklich mysteriöser Todesfall

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Mysteriöse Todesfälle reichen mehrere Jahre zurück

Es gibt auffällig viele Fälle, wenn Menschen, die mit russischen Staatsgeheimnissen oder Machenschaften der Amtsträger in Berührung gekommen sind, Whistleblower, Regimegegner, Menschenrechtler, kritische und investigative Journalisten unter mehr oder weniger verdächtigen Umständen sterben oder Opfer physischer Gewalt werden, in Russland wie im Ausland. Was diese Fälle eint, ist die Tatsache, dass nur die wenigsten davon überzeugend aufgeklärt werden. So starben in den letzten Jahren ganz überraschend mehrere Sportfunktionäre, die möglicherweise in den Dopingschwindel involviert waren, sowie eine Reihe von hochrangigen Diplomaten und Militärs.

Mysteriöse Todesfälle reichen mehrere Jahre zurück. Im März 2000 kam beim Absturz eines Privatjets der prominente Journalist und Verleger Artjom Borowik um, der damals einigen Berichten zufolge Informationen über die Vergangenheit Wladimir Putins sammelte, welcher kurz vor seiner ersten Wahl zum Präsidenten stand. Als Unglücksursache wurden menschliches Versagen und Wartungsmängel genannt. Bei diesem Fall stehen Zweifel an den offiziellen Untersuchungsergebnissen einer Verschwörungstheorie schon gefährlich nahe. Sie stehen aber auch einer weiteren Theorie nahe, wonach der Geheimdienst FSB hinter den Sprengstoffanschlägen auf Wohnhäuser in drei russischen Städten im September 1999 steckte, bei denen 307 Menschen starben. Diese Anschläge wurden benutzt (das ist mehr als eine Vermutung), um den zweiten Tschetschenienkrieg zu rechtfertigen sowie Putins Einfluss und Popularität zu festigen, was ihn letztendlich zum Nachfolger Boris Jelzins gemacht hat. Diese These vertrat in seinen Büchern der ehemalige FSB-Offizier Alexander Litwinenko.

Ein Zufall rettete auch Sergej Skripal das Leben

Das alles wären bloß verrückte Geschichten, die man nur mit Aluhut auf dem Kopf lesen kann, wäre Alexander Litwinenko nicht 2006 in London mit Polonium-210 vergiftet worden, einem seltenen radioaktiven Stoff, der nur zufällig entdeckt werden konnte. Nämlich weil einer der Ärzte, die Litwinenko behandelten, mit der Strahlenkrankheit vertraut war. Theresa May, damals Innenministerin, wollte so viel wie möglich aus Rücksicht auf bilaterale Beziehungen unter Verschluss halten, Litwinenkos Witwe hat gerichtlich eine öffentliche Anhörung durchgesetzt. Ohne die Schlussakte dieser Anhörung wäre auch Polonium-210 nichts weiter als eine verrückte Theorie. Ein ähnlicher Zufall rettete 2018 dem Ex-GRU-Oberst Sergej Skripal nach dem Anschlag mit dem russischen Nervengift „Nowitschok“ das Leben: Bei Salisbury befindet sich die militärische Forschungseinrichtung Porton Down, deswegen gibt es im örtlichen Krankenhaus Ärzte, die ein Training in Behandlung von Vergiftungen mit chemischen Kampfstoffen absolvierten. Sonst gäbe es einen weiteren Todesfall unter seltsamen Umständen.

Das Online-Medium „Buzzfeed“ zählte allein in Großbritannien vierzehn davon, und man kann diese Liste natürlich auch in anderen Ländern fortsetzen. Der spätere ukrainische Präsident Viktor Juschtschenko hat 2004, mitten im Wahlkampf, eine Dioxinvergiftung nur knapp überlebt. In Deutschland gelten vielen die plötzlichen Tode des früheren Russland-Koordinators der Bundesregierung, Andreas Schockenhoff, im Jahr 2014 und des früheren Vorsitzenden der Jungen Union, Philipp Mißfelder, im Jahr 2015 als verdächtig. Der eine, der völlig überraschend mit 57 starb, soll nach Insiderinformationen ein Dossier über Korruptionsverbindungen einiger Unionsabgeordneter zu Russland und anderen Nachfolgestaaten der UdSSR zusammengetragen haben; der Name des anderen, der nur 35 Jahre alt wurde, soll in diesem Dossier genannt worden sein. Das sind selbstverständlich nur Spekulationen. Das Dossier ist niemals aufgetaucht. Amtlichen Angaben zufolge starben beide eines natürlichen Todes.

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