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Russische Stimmen zu Solschenizyn : Ehrliches Heldentum

Ein großer Patriot: Alexander Solschenizyn Bild: dpa

Das offizielle Russland preist den verstorbenen Alexander Solschenizyn als großen und unbeugsamen Patrioten. Nur der Chef der kommunistischen Partei schert aus dem Chor aus. Er wirft dem Schriftsteller eine einseitige und tendenziöse Darstellung der sowjetischen Epoche vor.

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          Bei Gennadij Sjuganow kann man wenigstens sicher sein, dass seine Reaktion auf den Tod Alexander Solschenizyns ehrlich ist. Der Führer der russischen Kommunisten wirft Solschenizyn vor, dass seine Einschätzung der Sowjetunion nicht „objektiv“ gewesen sei: „In der Bewertung der sowjetischen Epoche war er äußerst tendenziös und einseitig. Natürlich hatte darauf auch seine persönliche Tragödie Einfluss, aber man darf nicht auf das Leben und die Taten des ganzen Volkes, auf das schöpferische Potential eines ganzen großen Landes seine eigenen Nöte und Schicksalsschläge übertragen.“ Solschenizyn sei ein „Vorläufer jener Prozesse“ gewesen, „die ein großes Land zerstörten“. Immerhin gesteht Sjuganow ihm zu, dass dieser „ehrlich ein reiches und starkes Russland sehen wollte“; doch diese Ehrerbietung ist offensichtlich nur eine rhetorische Figur, die dazu dient, Solschenizyns scharfe Kritik am nachsowjetischen Russland für sich zu vereinnahmen.

          Reinhard Veser

          Redakteur in der Politik.

          Sjuganow ist der einzige bedeutende russische Politiker, der am Montag nicht in den Lobes-Chor für Solschenizyn eingestimmt hat. Das offizielle Russland, das wie Sjuganow der einstigen Stärke der Sowjetunion nachtrauert und deren Errungenschaften von der Industrialisierung Russlands über den Sieg im Zweiten Weltkrieg bis zur Raumfahrt feiert, preist Solschenizyn als großen Patrioten. Auf möglicherweise störende Details seines Wirkens gehen Ministerpräsident Putin und seine Gefolgsleute nicht ein – Wörter wie „Sowjetunion“, „Totalitarismus“, „Terror“, „Gulag“, „Unterdrückung“, „Emigration“ oder „Zensur“ sucht man in ihren Stellungnahmen vergeblich. Ihre Äußerungen sind klinisch rein von allem in Solschenizyns Biographie, das ihn zu einer der bedeutendsten Gestalten des zwanzigsten Jahrhunderts gemacht hat.

          Tragik und Glanz der russischen Geschichte

          „Wir sind stolz darauf, dass Alexander Isajewitsch Solschenizyn unser Landsmann und Zeitgenosse war“, heißt es im Beileidstelegramm Putins. „Seine schriftstellerische und gesellschaftliche Tätigkeit, der ganze, lange und dornige Lebensweg wird für uns immer ein Beispiel ehrlichen Heldentums, uneigennützigen Dienstes an den Menschen, am Vaterland, den Idealen der Freiheit, der Gerechtigkeit, des Humanismus bleiben.“ Ein vor dem Hintergrund von Solschenizyns Leben und Werk besonders rührender Satz ist dem Vorsitzenden des Föderationsrates Sergej Mironow gelungen: „Solschenizyn konnte feinfühlig und durch sein Herz die ganze Geschichte Russlands fühlen, ihre tragischsten und glänzendsten Seiten.“

          Während die Herrschenden vor allem auf Solschenizyns Patriotismus verweisen, der durchaus Schnittmengen mit der nationalistischen Staatsideologie des heutigen Russland hat, blicken die demokratische Rest-Opposition und die Überbleibsel der Zivilgesellschaft vor allem auf die vergangenen Verdienste Solschenizyns; mit seinen Vorstellungen von Russland und vor allem seiner positiven Sicht auf Putin können sie nichts anfangen. „Für mich war immer wichtig, wie mannhaft er in die Vergangenheit geblickt hat, dass es ohne Erkenntnis der Vergangenheit nicht möglich ist, die Zukunft zu bauen“, wird Arkadij Roginskij von der Menschenrechtsorganisation „Memorial“ zitiert. Roginskij selbst gehört zu jenen Dissidenten, die eine Generation nach Solschenizyn in der Breschnew-Zeit für ihre Überzeugungen in die sibirischen Lager verschickt wurden.

          Was über Russland über alle Lagergrenzen hinaus eint am Tag nach dem Tod Solschenizyns, ist das Gefühl, dass damit eine Epoche endet. „Eine größere Figur gab es im zwanzigsten Jahrhundert nach dem Tod Lew Tolstojs nicht“, sagte der Filmregisseur und Duma-Abgeordnete Stanislaw Goworuchin.

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