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Russische Präsidentenwahl : Wahlkampfgrüße aus Moskau

Hinter Gittern, allerdings nur bei Youtube: Wladimir Putin Bild: AFP

Der russische Wahlkampf ist auch eine Medienschlacht. Während Putin seine Stellvertreter ins Fernsehen schickt, wird er selbst im Internet auseinandergenommen.


          Die Nemesis hat Wladimir Putin immerhin auf Youtube ereilt. Ein inzwischen von mehr als einer Million Menschen angeklicktes Video zeigt den russischen Premierminister und Präsidentschaftskandidaten im Angeklagtenkäfig des Moskauer Chamowniki-Bezirksgerichts, wo ihm Terrorismus und der Versuch, die Staatsorgane zu beeinflussen, vorgeworfen werden.

          Kerstin Holm

          Redakteurin im Feuilleton.

          Putins Figur ist einmontiert in einen Archivfilm vom Prozess gegen Michail Chodorkowski, der aufgrund absurder Urteile zur Abschreckung anderer einsitzt. Was die Anti-Putin-Bewegung als Wunschbild begeistert, dient als Werbeclip für den Film „Attentat auf Russland“ nach dem Buch des 2006 ermordeten ehemaligen Geheimdienstlers Alexander Litwinenko und des Historikers Juri Felschtinski (“Eiszeit im Kreml“). Der Film soll vom 25. Februar an erhältlich sein. Litwinenko und Felschtinski führten den Indizienbeweis, dass die Sprengstoffanschläge auf russische Wohnhäuser im Herbst 1999, die den einstigen Geheimdienstchef Wladimir Putin auf den Präsidentensessel hieven halfen, vom FSB zu diesem Zweck gelegt wurden.

          Ein klarer Sieg in Kulturpolitik

          Den ersten Versuch, den Dokumentarfilm in Moskau zu präsentieren, bezahlten der Politiker Juschtschenkow und der Journalist Schtschekotschichin 2003 mit dem Leben. Pünktlich vor der Wahl soll der Film den Stimmberechtigten Putins schreckliche Geheimnisse vor Augen führen.

          Der Präsidentschaftsanwärter Putin stellt sich Fernsehdebatten, die in seinem Fall auch Rechenschaftsberichte sein müssten, prinzipiell nicht. Blogger nehmen das als Indiz dafür, dass Putin die Öffentlichkeit verachtet, und fühlen sich an turkmenische Verhältnisse erinnert. Die Herausforderer, die nur miteinander oder mit einem von Putins Bevollmächtigten Rededuelle austragen können, sind erzürnt. Der Kandidat Sergej Mironow vom „Gerechten Russland“ erklärte wütend, mit einem von Putins „kleinen Brüdern“ zu diskutieren sei für ihn unannehmbar.

          Nur der Milliardär Michail Prochorow machte es Putin nach. Er ließ sich von seiner Schwester vertreten, Irina Prochorowa, die einen Verlag für intellektuelle Literatur und Prochorows Wohltätigkeitsstiftung leitet. Sie stritt sich auf dem Staatskanal Rossia-24 eine Stunde lang mit dem Kinoregisseur und Putin-Duzfreund Nikita Michalkow insbesondere über die Kulturpolitik. Die so brillante wie liebenswürdige Irina Prochorowa errang für ihren jüngeren Bruder einen klaren K.-o.-Sieg.

          Wo bleibt die Modernisierung?

          Wie sein Mentor Putin argumentierte Michalkow nicht. Er stellte den Kandidaten Prochorow wegen dessen Reichtums und Familienstandes unter Generalverdacht. Wobei Michalkow einräumen musste, dass sein Film „Die Zwölf“ nur dank einer Geldspritze von Prochorow zustande kam. Doch dass der Oligarch in einer Sendung einmal Mitbürgern den Rat gab, Ersparnisse zumindest teilweise in Dollar anzulegen, stoße, so Michalkow, das Volk vor den Kopf, ebenso wie der Umstand, dass er unverheiratet sei, keine Kinder habe und sich von der orthodoxen Kirche fernhalte. Michalkow sagte sogar, als Russe müsse man das Gefühl haben können, die Staatsmacht komme von Gott.

          Irina Prochorowa erinnerte freundlich lachend daran, dass Putin nicht von Gott, sondern von Jelzin eingesetzt wurde und dass im März gewählt und kein sakraler Herrscher gesalbt werde. Der Premierminister sei inzwischen de facto zwölf Jahre, in denen der Ölpreis die meiste Zeit hoch war, an der Macht, erklärte die Zarin der russischen Geisteswelt; doch von der oft beschworenen Modernisierung sei nichts zu sehen. Die kulturelle Renaissance zeige sich in Prestigeobjekten wie dem Bolschoi- Theater, während die Fundamente von Kultur und Bildung zugrundegingen.

          „Auf Putin kann man zählen“

          Irina Prochorowa erinnerte an die Bibliotheken insbesondere in der Provinz, wo die Prochorow-Stiftung äußerst aktiv ist. Die Bestände seien oft seit dem Ende der Sowjetunion nicht aufgestockt worden. Viele Büchereien hätten nicht nur keinen Internetanschluss, sondern nicht einmal ein Telefon. Schüler, die die obligatorische Grundausbildung in Patriotismus, Sport und Sicherheitsregeln machen und für andere Fächer zahlen müssen, würden nicht einmal für Fabrikarbeit qualifiziert. Und während Jelzin so einsichtsvoll gewesen sei, anspruchsvolle Bücher von der zwanzigprozentigen Mehrwertsteuer auszunehmen, setzte Putin sie wieder in Kraft. Die verbreitete Enttäuschung über das stagnierende System sei möglicherweise auch der Grund für den neuen Boom von Witzen und Satire.

          Die Sendung wurde von Wahlwerbung unterbrochen. Im Putin-Clip ließ der abwesende Kandidat sich von Katastrophenminister Schoigu loben, der behauptete, auf Putin könne man zählen. Er, Schoigu, kenne ihn in allen Lebenslagen, selbst im Krieg. Kommunistenführer Sjuganow erschien als schweigendes Konterfei vor nostalgisch blühenden Landschaften. Dann setzte Prochorows Schwester ihr flammendes Plädoyer fort, das sie mit Fakten und Zahlen über die Kulturförderung ihrer Stiftung etwa in Norilsk und Krasnojarsk spickte. Michalkow, der dem staatlichen Kulturfonds vorsteht, erwiderte matt, Kultur interessiere ihn im Grunde nicht.

          Dann machte er seiner Kontrahentin, die er „superklug und bezaubernd“ nannte, das Kompliment, sie sehe eigentlich gar nicht aus wie eine Milliardärsschwester. Woraufhin diese entgegnete, sie sei stolz auf ihren Bruder, der seinen Bildungs- und Vermögensvorsprung nicht für sich behalten, sondern für sein Land einsetzen wolle. Am Schluss erklärte Michalkow, er würde für Irina Prochorowa stimmen, sollte sie kandidieren. Schon sehen Blogger in ihr eine russische Angela Merkel. Der Galerist und Polittechnologe Guelman glaubt fest, die Stimmen der kreativen Klasse habe sie für ihren Bruder gesichert.

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