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Russische Politik : Wie vor hundert Jahren in Deutschland

  • -Aktualisiert am

Innovative Repression im Retrokostüm: „Kosaken“ prügeln in Moskau auf Demonstranten ein. Bild: AFP

Die Herrschaft liebt den Kriegszustand: Die Ideologen der russischen Politik pflegen einen gefährlichen Pseudokonservatismus. Sogar öffentliche Züchtigungen leben auf – traditionell kostümiert.

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          Russland erlebt eine Wiedergeburt des Konservatismus – so lautet das Fazit zahlreicher neuerer politikwissenschaftlicher Studien. Auf die Frage, worin diese Renaissance besteht, findet der Leser freilich keine befriedigende Antwort. Obwohl viele Autoren den situationsbezogenen Charakter und die ständige Unterminierung des Istzustandes durch den „konservativen“ Handlungsmodus zugestehen, glauben sie gleichwohl, dieser sei (radikal-)konservativ. Ein näherer Blick zeigt freilich, dass die aktuellen Tendenzen der russischen Politik mit Konservatismus wenig zu tun haben. Die offiziell beschworene Sorge um traditionelle Werte kontrastiert mit einer hohen Risikobereitschaft in der Innen- wie Außenpolitik. In Putins Russland werden alle möglichen Situationen als Ausnahme interpretiert, Ausnahmehandlungen aber kommen politischer Willkür nahe.

          Allerdings bedürfen auch Ausnahmehandlungen einer Begründung. Diese kann in dem Verweis auf eine Krise politischer, ökonomischer oder kultureller Traditionen bestehen. Die Wurzeln solcher Strategien zur Wahrung einer konservative Fassade liegen in den zwanziger Jahren. Im Deutschland der Zwischenkriegszeit bereitete die paradoxe Idee der konservativen Revolution der nationalsozialistischen Umdeutung des Konservatismus den Weg. Das Streben, Traditionen zu zerstören, das zugleich vorgibt, Regeln und Notwendigkeiten zu folgen, brachte eine neue, verlogene Form politischen Handelns hervor, den Pseudokonservatismus.

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