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Postreligiöses Europa : €-Christentum

  • -Aktualisiert am

Isaakskathedrale in St. Petersburg Bild: dpa

Während die Bedeutung des Christentums im postchristlichen Europa verschwindend gering ist, fordert und gewinnt die russisch orthodoxe Kirche in Russland an Macht. Woran liegt das?

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          Der russische Schriftsteller und religiöse Denker Wassili Rosanow (1856 bis 1919) brachte sein zerrissenes Verhältnis zum Christentum auf die Formel: Wenn es mir schlechtgeht, bin ich Christ, wenn es mir gutgeht, bin ich Heide. Rosanow warf dem Christentum dessen Geschlechts- und Lebensfeindlichkeit vor, wurde aber nach dem Oktoberumsturz zum einsamen Gottsucher in seiner von ihm als postapokalyptisch empfundenen Heimat, die plötzlich durch einen Eisernen Vorhang von Europa getrennt war.

          Ein Eiserner Vorhang – mit diesem Ausdruck aus der Theatersprache beschrieb Rosanow noch vor Georges Clémenceau und Winston Churchill die Isolation Sowjetrusslands – trennt auch heute wieder West- und Mittel- von Osteuropa und Eurasien, damit aber auch glücklichere von unglücklichen Kulturen, mit den von Rosanow beschriebenen Folgen für die Religion. Die Russisch-Orthodoxe Kirche glaubt sich gesegnet.

          Der im Moskauer Patriarchat für die Beziehungen zur Öffentlichkeit zuständige Erzpriester Wsewolod Tschaplin frohlockt, endlich seien in Russland die „fetten“ Jahre vorbei – was sich auf seinen nicht unbeträchtlichen Leibesumfang bisher freilich nicht auswirkte –, endlich würden die Menschen sich von Konsumgütern ab- und geistigen Werten zuwenden. Woraus Tschaplin die Forderung ableitet, die Patriarchatskirche als Repräsentantin der gesellschaftlichen Mehrheit müsse bei sämtlichen Entscheidungen über die Gegenwart und Zukunft des Landes mit entscheidender Stimme reden.

          Nach den Terroranschlägen von Paris ging der Leiter des kirchlichen Außenamtes, Metropolit Illarion, noch einen Schritt weiter und schlug vor, die verfassungsmäßige Trennung von Kirche und Staat aufzuheben. Die Terrorbekämpfung könne sich nicht darauf beschränken, Killerbanden auszuschalten, so Illarion; es gelte auch vorzubeugen und insbesondere die Jugend vor religiös verbrämten verbrecherischen Ideologien zu schützen. Dafür bedürfe es mehr Religionsunterricht an staatlichen Schulen, erklärte der Metropolit gegenüber der Staatsduma, wo er zu einer konzertierten Aktion weltlicher und geistlicher Führungskräfte gegen die religiöse Ignoranz aufrief, die er als Hauptgefahr für Staat und Nation hinstellte.

          Welch ein Kontrast zum postchristlichen Europa, wo die Religion als Bindemittel offenbar ausgedient hat! Jedenfalls betonte die Marburger Politologin Bettina Westle bei den Deutsch-russischen Herbstgesprächen, die die Evangelische Akademie und die Heinrich-Böll-Stiftung bezeichnenderweise im Berliner Französischen Dom ausrichteten, das Christentum spiele als Grundwert nur für weniger als fünf Prozent der Europäer noch eine Rolle – im Unterschied zu Demokratie, Menschenrechten, Frieden, womit die meisten Befragten (dreißig bis vierzig Prozent) den säkularen Glauben des Kontinents umreißen, wie Westle diagnostizierte. Während der russisch orthodoxen Kirche die Not der Leute bei der Ermächtigung des Klerus nach iranischem Vorbild entgegenkommt, könnte das europäische Christentum am Mangel an tragischer Erfahrung verhungern.

          Kerstin Holm

          Redakteurin im Feuilleton.

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