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Züchtigungs-Glosse : Weiche Rute

  • -Aktualisiert am

Schöner schlagen mit echten russischen Weidenruten. Bild: Picture-Alliance

Das passende Weihnachtsgeschenk für besonders unartige Kinder ist noch nicht gefunden? Abhilfe will ein russisch-orthodoxer Geschäftsmann anbieten – mit frischen Weideruten.

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          Sie suchen noch ein Weihnachtsgeschenk? Vielleicht für Kinder oder Junggebliebene, die bei der Erinnerung daran, dass der Weihnachtsmann früher immer auch etwas für unartige Kinder dabei hatte, nostalgisch werden?  Dann hat der russisch-orthodoxe Geschäftsmann und Autarkie-Guru German Sterligow etwas für Sie im Angebot: frische Weidenruten, ökologisch gewachsen und für die kindliche Gesundheit garantiert unschädlich, wie Sterligow versichert, der, nachdem er in den neunziger Jahren Russlands erster Dollar-Millionär war, Landwirt wurde und sich zu den ruppigen Erziehungsmethoden der Altvorderen bekennt.

          Seine Frau und Mitstreiterin Aljona gab sogar ihrer eigenen Erfolgsstory den Titel „Vom Manne geschlagen“ (Muschem bitaja), was freilich allegorisch gemeint sei, wie sie zugibt; Sterligow habe seine Hand gegen sie nie erhoben. Doch die patriarchalische Pose macht sich gut im heutigen Russland, ebenso wie biologische Lebensmittel, Kosmetik und orthodoxe Designermode, die Sterligow so teuer verkauft, dass nur eine arrivierte Kundschaft sie sich leisten kann. Im liberalen Hamburg erregen sich unterdessen Jugendpsychiater und Kinderrechtler über die Sandwesten, die in vielen Grundschulen vor allen in Problemvierteln eingesetzt werden, um hyperaktiven Schülern das Stillsitzen zu erleichtern. Dabei können die Westen, die von den Kindern freiwillig für eine kurze Zeit angelegt werden, vielen helfen, sich zu konzentrieren und Informationen zu verarbeiten, bezeugen Pädagogen und Ergotherapeuten. Der wilde Sterligow will freilich allzu viel Bildung von seinen Kindern und Kindeskindern eher fernhalten, weil er „satanische“ Wissenschaftler für die fortschreitende Umweltzerstörung verantwortlich macht.

          Die von ihm favorisierte Rutenzüchtigung setzt auf Verhaltenskonditionierung durch Angst. Wie ein Kind dabei zum Krüppel werden kann, hat der österreichische Schriftsteller Robert Seethaler in seinem Roman „Ein ganzes Leben“ geschildert. Seethalers Held, der als Waise in den Alpen aufwächst, wird, als er acht Jahre alt ist, von seinem bergbäuerlichen Ziehvater so furios mit der Rute bearbeitet, dass ihm ein Bein bricht. Er wird sein Leben lang hinken. Zu dem Unglück kommt es auch deshalb, weil der Bauer es bei seinem Strafritual versäumt, die Rute lange genug in Wasser einzuweichen, um sie geschmeidiger zu machen. Sterligow bietet seine Ruten daher im Kombipack mit Biobrunnenwasser an, dadurch würden sie weich und unbedenklich für die Kinderhaut. Vor Leitungswasser, das Infektionen verursachen könne, warnt er ausdrücklich. Ab einem gewissen Bestellvolumen wäre der Retro-Provokateur sogar bereit, sein Brunnenwasser gratis abzugeben.

          Kerstin Holm

          Redakteurin im Feuilleton.

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