https://www.faz.net/-gqz-90hom

AfD setzt heißes Thema : Sommerpause für Rundfunkgebühren

Abschalten! Bild: dpa

Während alles gespannt auf die nächste seltene Tierart im Baggersee lauert, kommt Frauke Petry mit einer echten Schlagzeile um die Ecke: Reduktion des Rundfunkbeitrags im Sommer.

          Eigentlich hatten wir dieser Tage das Auftauchen der Schnappschildkröte erwartet. Für gewöhnlich lässt sie sich an Hochsommertagen blicken, an denen sonst nicht viel los ist, und sorgt für Unruhe am Badesee und in der Boulevardpresse. Es kann auch eine Seeschlange sein oder ein Alligator, der sich beim Picknick in der Au über den Fresskorb hermacht. Doch noch hat sich keines der Tiere sehen lassen, und der Blauhai von Mallorca zählt nicht wirklich. Stattdessen hat sich Frauke Petry von der AfD die Gelegenheit der schlagzeilenarmen Tage geschnappt und eine Ich-bin-dann-mal-ab-in-den-Urlaub-Idee in die Welt gesetzt: Sie fordert eine „Sommerpause“ für den Rundfunkbeitrag.

          Begründung: Im Sommer machten aktuelle Sendungen wie die Talkshows eine Pause, es liefen haufenweise Wiederholungen, und die Informationssendungen seien ohnehin von minderer Qualität. Das, so meint die Parteivorsitzende der AfD, sei eine „Programm-Sommerflaute“, die mit besagter Sommerpause beim Rundfunkbeitrag zu quittieren sei. Auf diesen Vorschlag reagierten ARD und ZDF wie üblich und wie bei einem ordentlichen Sommertheater gewünscht, mit ernsthafter Entrüstung: Selbstverständlich stellten sie aktuelles Programm auf die Beine, Nachrichtensendungen von früh bis spät, tolle Dokus, Kinofilme, Leichtathletik-WM, ist das vielleicht nichts? Selbstverständlich weiß jeder, auf dessen Fernbedienung sich noch die Knöpfe für die öffentlich-rechtlichen Programme finden, dass dort längst Sommerpause herrscht und dass diese mindestens so lange dauert wie die Sommerferien in Frankreich.

          Dieses System hat seinen Festpreis

          Doch dass sich im Programm zurzeit viele Wiederholungen finden und gesendet wird, was sonst keinen Platz findet, mindert ja nicht den Finanzbedarf der Anstalten. Im Gegenteil: Im Sommer wird für Zehntausende öffentlich-rechtliches Urlaubsgeld fällig, die Pensionszahlungen laufen weiter, für die ein Großteil des Rundfunkbeitrags draufgeht, der beileibe nicht allein ins Programm fließt. Ist also nichts mit einer Sommerpause, befindet auch der Bundesvorsitzende des Deutschen Journalisten-Verbands, Frank Überall, und fordert eine „Sommerpause für unüberlegte AfD-Vorschläge zum Rundfunk“ (dabei täte ihm seinerseits eine Sommerpause ohne tägliche Wortmeldung zu irgendwas vielleicht auch gut).

          Im Unüberlegten des Vorschlags steckt aber natürlich dessen Reiz(thema): Dieses Rundfunksystem hat seinen Festpreis, ganz gleich, was und wie viel gerade über den Bildschirm flimmert, sommers wie winters. Dass die AfD ihr eigenes Programm zur selben Zeit im Vertrieb über Amazon kostenpflichtig macht, ist allerdings auch wieder eine Pointe. Erst kostete es 2,99 Euro, nun neunundneunzig Cent. Der Zwangsbeitrag lohnt sich nicht wirklich. Wir schalten zurück zur Schildkrötenbeobachtung am Badesee. Vielleicht tut sich da ja doch noch etwas.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Folgen:

          Weitere Themen

          Erzählen Sie lieber was vom Pferd!

          TV-Kritik: „Sommerinterview“ : Erzählen Sie lieber was vom Pferd!

          In der ARD darf Dietmar Bartsch die Linke groß reden, im ZDF versucht Shakuntala Banerjee, die FDP kleiner zu halten, als sie ist. Besser wäre es, über das Format der Sommerinterviews neu nachzudenken: Oberflächliche Dampfplauderei ist entbehrlich.

          Blumenmeer im Brüsseler Rathaus Video-Seite öffnen

          Internationale Flower-Show : Blumenmeer im Brüsseler Rathaus

          Alle zwei Jahre verschönern rund 30 internationale Floristen das gotische Gebäude mit opulenten Blumenkreationen. Sie dekorieren 13 historische Räume vom Boden bis zur Decke mit mehr als 100.000 Blumen.

          Der verschwundene SS-General

          „Hitlers Geheimwaffenchef“ : Der verschwundene SS-General

          Hans Kammler gehörte zur engeren Führung des NS-Regimes. Er war mitverantwortlich für den Holocaust. Im Mai 1945 soll er Suizid begangen haben. Doch daran gibt es große Zweifel, wie das ZDF zeigt.

          Topmeldungen

          Was sollte eine Wurst kosten?

          Agrarlobby : Was kostet die Wurst?

          Tiere leiden, der Planet auch. Dabei wäre das leicht zu ändern. Ganz ohne Fleischsteuer. Die meisten deutschen Fleischesser sind hier längst weiter als die Bauern und ihre Bundesministerin.
          Unser Sprinter-Autor: Cai Tore Philippsen

          F.A.Z.-Sprinter : Eiserner Vorhang, sterbender Gletscher

          Vor 30 Jahren bekam der Eiserne Vorhang in Ungarn erste Risse. Wo der Kampf für die Freiheit auch heute noch ein brandaktuelles Thema ist und warum mit dem Gletscher Ok gar nichts okay ist, steht im F.A.Z.-Sprinter.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.