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Ruhrgebiet : Die größte Stadt

Nur beim Fußball ist man sich einig und an der Spitze. Das kann aber über Defizite an Urbanität nicht hinwegtäuschen. Bild: FAZ

Die größte Stadt Deutschlands wächst. Aber nicht zusammen, denn es gibt zu viele Häupter und kein Oberhaupt. Eine Glosse über das Ruhrgebiet.

          1 Min.

          Die „größte deutsche Stadt“ wächst wieder. Im vergangenen Jahr um 1,1 Prozent. Das sind 54619 Einwohner mehr, so dass hier, Stand 31.Dezember 2015, genau 5109253 Menschen leben. Anderthalb Millionen mehr als in Berlin. Was dort aber niemanden juckt oder auch nur wahrgenommen wird. Denn während in der deutschen Hauptstadt die Überwindung der Teilung weit fortgeschritten ist, kommt sie in der größten deutschen Stadt nicht recht vom Fleck. Nicht Mauer, Stacheldraht und Systemunterschiede gilt es hier zu beseitigen, sondern die Grenzen von drei Regierungsbezirken und dreiundfünfzig Kommunen, deren Oberhäupter gar nicht daran denken, auf Amt und Würden zu verzichten und über den eigenen Kirchturm hinauszuschauen. Vielleicht auch, weil es an einer sichtbaren Mitte fehlt, auf die sie blicken und sich verständigen könnten, und der Politiker, einer von hier, der das Format und die Vision dafür hat, lieber der zweite Mann im Staat bleibt, als der „Oberindianer“ zu werden, den er seit Jahren für die „größte deutsche Stadt“ fordert.

          Schlösser, Burgen, Münsterkirchen, das gibt es hier alles auch, aber zu Wahrzeichen sind Monumente der Montanindustrie geworden, die vor etwas mehr als einer Generation noch Kohle und Stahl, Rauch und Dreck spuckten. Auch mangelt es der größten Stadt nicht an Museen, Theatern, Konzerthäusern, doch wirklich konkurrenzfähig, gar überlegen wie im Fußball, wo ihre beiden besten Vereine, anders als die Hertha, oben mitspielen, ist sie nicht. Dass sie sich, obwohl ihr Arroganz und Angeberei eher fremd sind, schon länger Metropole nennt, kann über Defizite an Urbanität nicht hinwegtäuschen.

          Im Gegenteil: Das Nahverkehrssystem ist ein Anachronismus, ganz offenkundig steht es um Architektur und Städtebau nicht zum Besten, mehr Vielfalt, Dichte, Durchmischung und räumliche Differenzierung würden guttun. Ein Baumeister wie Hans Scharoun hat hier keine Philharmonie und keine Staatsbibliothek gebaut, aber zwei Schulen und eine kleine Kirche. Die Universitäten sind, jung und innovativ, inzwischen die Schrittmacher des postindustriellen Wandels, für eine englische Buchhandlung oder ein französisches Gymnasium aber ist die Zeit noch nicht reif. Auch wenn in der Bevölkerung das Bewusstsein wächst, weder Rheinländer noch Westfalen, sondern etwas Eigenes dazwischen zu sein und in einer großen Stadt zu leben, hinkt das Selbstwertgefühl noch hinterher. Denn wenn es darum geht, sich darzustellen, macht sich die größte deutsche Stadt gerne klein und feiert, so an diesem Samstag, wie putzig, den „ersten Tag der Trinkhallen“. Als hätte sie sonst nichts zu bieten.

          Andreas Rossmann

          Freier Autor im Feuilleton.

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