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Rückkehr nach über zwanzig Jahren : Mein Deutschland-Märchen

Wie eine Kuh das Leben sieht, hängt von ihrem Standort ab. Der Stallgeruch entscheidet dabei mit Bild: Bildagentur-online/Yay

Wer 22 Jahre in Russlands Steppenzivilisation lebte, betrachtet Deutschland als Kuhstall: Die Milchleistung imponiert, doch das Nutzvieh missversteht die Wildnis. Ohne Hochkultur geht es nicht. Ein Korrespondenten-Märchen.

          Wie ein Kampfstier, der, wenn er die Arena überlebt hat, darin nie ein zweites Mal auftreten darf, weil er das Spiel verstanden hat, so ist auch für eine holsteinische Kuh, die im Stall aufwuchs, sich dann aber in der freien Wildbahn umtat, nach ihrer Rückkehr der Stall nie mehr derselbe. Als ich vor 22 Jahren aus München nach Moskau zog, um von dort aus das russische Kulturleben zu beschreiben, schien mir, ohne dass ich das als Gedanken je formuliert hätte, da, wo ich herkam, sei das Leben „normaler“ als in meinem Berichtsland.

          Kerstin Holm

          Redakteurin im Feuilleton.

          In den frühen neunziger Jahren freute ich mich für die Russen, dass die ideologische Qualmwolke über ihnen sich endlich verzog und europäische Klassiker und solide Sachliteratur zugänglich wurden, die mir in meiner Studienzeit so viel gegeben hatten. Dass, als Folge von Glasnost und Perestroika, die russische Wirtschaftsleistung einbrach und der Wert des Geldes vor den Augen seiner Besitzer zusammenschmolz, hielt ich nicht für kausal zwingend. Ich dachte, das Produzieren und Liefern von Haushaltswaren und Maschinen sei auch in einem so riesigen, dünn besiedelten Land wie Russland auf normale Art, das heißt: wie bei uns, also hauptsächlich gestützt auf mittelständische Unternehmen, im Prinzip organisierbar.

          Auf freier Wildbahn

          Dann sah ich aber, wie vielen jungen Produktionsunternehmen von Schutzgeldeintreibern der Garaus gemacht wurde, während einige willensstarke Geschäftsstrategen, auch „Bullen“ (Byki) genannt, sich auf Kosten der Allgemeinheit zu Oligarchen und Bankiers auswuchsen und wie diese dann von staatlichen, also das Gewaltmonopol ausübenden Hegern handzahm gemacht, nicht selten sogar beerbt wurden. Die Phase krisenbedingter Willkür ging nicht zu Ende, die Phase stabiler Entwicklung trat nicht ein. Das Recht des Stärkeren, das die europäischen Stalltiere, darunter auch ich, für überwindbar hielten und von dem viele aufrichtig glaubten, sie hätten es selbst überwunden, war das einzige, was wirklich stabil blieb.

          Das Recht des Stärkeren wurde nie abgeschafft. Doch in entwickelten Gesellschaften lohnen sich gewaltsame Übergriffe ökonomisch nicht, wie die russische Journalistin Julia Latynina festgestellt hat, während sie sich in unentwickelten sehr wohl auszahlen. Die Megastadt Moskau fasziniert durch ihre ungeheure Energie, ihr unermüdliches Tempo. Aber es ist eine Energie der Reibung, der Verdrängung, des Austricksens, nicht des offenen Austauschs, des Vorankommens und schon gar nicht der Produktivität.

          Der Geruch der Freiheit: Viehzucht im Süden Russlands

          Kein Behördenchef versucht jemals, anders als verbal die unzähligen, durch die künstlich unflexible Verkehrsführung verlängerten Wege oder durch die Dauerstaus verlorenen Arbeitsstunden einzusparen oder den durch sie vergrößerten Abgasausstoß zu verringern. Und die Geschichte, wie effektive Unternehmen durch bewaffnete „Schutzdach“-Organisationen oder durch staatliche oder staatlich protegierte Konkurrenten übernommen wurden, spricht nicht von Siegen entwickelterer Lebensformen über archaischere, sondern vom Gegenteil.

          Sollte unsere Erde eines Tages Besuch von Marsmenschen bekommen, die wissen wollen, warum wir den Planeten so misshandeln, und ob es etwas gebe, was unsere Existenz rechtfertige, so können wir, wie ich fest glaube, nur die Spitzenleistungen unserer Kultur vorweisen, die Meisterwerke in den Museen, der Literatur, der europäischen Musik. Aber auch volkswirtschaftlich wird es sich längerfristig nur lohnen, die Bewohner Kerneuropas artgerecht zu halten, wenn sie die hohen Produktionsleistungen, durch die sie sich das bisher verdienten, weiterhin erzielen. Das geht nicht ohne Hochkultur. Kunst und Gewerbe sind kommunizierende Röhren. Originelle Ideen bedürfen immer auch der Sphäre der Kunst, der freien Linie, der musikalischen Struktur, um sich auszusprechen, bevor sie in die Industrie weiterwandern können. Kurz gesagt: ohne Brahms kein BMW.

          Der schwierige Weg zur Domestizierung

          Die Bewohner des Kuhstalls sind allerdings der Ansicht, er erleichtere ihnen das Leben nicht deswegen, damit sie mehr Ressourcen in die Milchproduktion stecken können, sondern, weil der Komfort der Kühe ein heiliger Endzweck ist. Einer meiner russischen Bekannten, ein nach Deutschland emigrierter Organist, der in Nürnberg an einer Musikschule unterrichtet, ist ganz verzweifelt, weil die meisten seiner deutschen Schüler die Musik nicht ernst nähmen. Die Hauptsache sei für sie, „keinen Stress“ zu haben, sie klimperten am liebsten nur seichte Songs, klagt er.

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