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Rückgabeforderung : Es muss eine gerechte Lösung geben

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Das Objekt der türkischen Begierde: Die Sphinx aus Hattuscha im Pergamonmuseum Berlin Bild: Pergamonmuseum

Kategorisch fordert die Türkei die Rückgabe einer hethitischen Sphinx aus dem Pergamonmuseum. Sie ignoriert dabei hundert Jahre deutsch-türkische Zusammenarbeit - beklagt Hermann Parzinger, Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz.

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          Bisher war Kulturpolitik keine Kanonenbootpolitik. Doch mit der Drohung, keine deutschen Ausgrabungen in der Türkei mehr zuzulassen, wenn Deutschland nicht bis Juni die hethitische Sphinx aus Bogazköy-Hattuscha zurückgibt, fährt Ankara schweres Geschütz auf. Schon gibt es Stimmen in der deutschen Politik, die eine Rückgabe der Sphinx erwägen. Diese Offenheit ist zu begrüßen, weil Gespräche schließlich nur dann Sinn machen, wenn ihr Ausgang nicht schon feststeht. So einfach dürfen wir es uns aber nicht machen, die Auswirkungen über den Einzelfall hinaus müssen mitbedacht werden.

          Die Faszination der antiken Kulturen des Mittelmeerraumes und des Nahen Ostens im 19. und frühen 20. Jahrhundert war groß, weil ihre Relikte buchstäblich dem Boden zu entreißen waren. Archäologische Ausgrabungen führten zur Wiederentdeckung versunkener Kulturen, die uns den Blick in früheste Epochen der Menschheitsgeschichte öffneten. Die besessene Suche Heinrich Schliemanns nach Troja steht paradigmatisch dafür. Troja und die Antike waren damals längst Teil unserer eigenen europäischen Geschichte. Die kulturellen und historischen Leistungen Europas sah man als Fortentwicklung der zivilisatorischen Errungenschaften der frühen Hochkulturen des Vorderen Orients, eine Betrachtung der Antike in den Kategorien politischer Grenzen der Neuzeit hätte man als absurd empfunden.

          Mit antiken Reliefs verzierte Steinblöcke wurden zu Kalk gebrannt

          Dem Geist geschichtlicher Teilhabe entsprangen auch die damals geltendem Recht folgenden Aufteilungen der Grabungsfunde zwischen den die Unternehmung durchführenden Institutionen und dem die Lizenz erteilenden Ursprungsland. Für öffentliche Museen ist dabei immer entscheidend, dass Kulturgüter zur Zeit ihres Erwerbs rechtmäßig in ihre Sammlungen gelangten. Das Prinzip der Fundteilungen gehört längst der Vergangenheit an, doch im Kontext der damaligen Situation hat sie heute noch ihre juristische und moralische Legitimation.

          Empfiehlt der Türkei, den konstruktiven Dialog zu suchen: Hermann Parzinger, Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz

          Diese Legitimation umfasste auch die Sorge um den Erhalt der Denkmäler: Der deutsche Ingenieur Carl Humann, der die ersten Ausgrabungen in Pergamon organisierte und die Bedeutung der Ruinenstätte früh erkannte, war entsetzt, als er bemerkte, wie Bewohner des Dorfes Bergama am Fuße des Burgbergs von Pergamon mit antiken Reliefs verzierte Steinblöcke zu Kalk brannten. Humann sicherte die Reste des Pergamon-Altars buchstäblich in letzter Minute - seine große Tat war eine der bedeutendsten Rettungsaktionen der Kunst- und Kulturgeschichte, und sie verdient unser aller Respekt, auch den der Türkei.

          Zu diesen frühen Pionieren gehörte auch der Berliner Assyriologe Hugo Winckler, der sich 1905 auf den Weg nach Zentralanatolien machte und erkannte, dass es sich bei dem imposanten Ruinenfeld nahe dem Dorf Bogazköy um Hattuscha handelte, die Hauptstadt des im 2. Jahrtausend vor Christus weite Teile Anatoliens beherrschenden Hethiterreichs. Seine Entdeckung war eine wissenschaftliche Sensation, und Winckler überzeugte Theodor Makridi vom Ottomanischen Museum in Konstantinopel, dass umgehend mit Ausgrabungen begonnen werden müsste. 1906 schritten die beiden Männer zur Tat, es war - wenn man so will - die erste deutsch-türkische Gemeinschaftsgrabung, finanziert auch durch deutsche Gelder. Bereits 1906 entdeckten sie am Westhang des Burgbergs Büyükkale den ersten Teil eines riesigen Keilschriftarchivs, das den Blick auf Anatolien verändern sollte.

          Papiere fehlen

          Die Geschichte der hethitischen Sphinx ist dabei schnell erzählt: 1907 stieß der Bauforscher Otto Puchstein zum Grabungsteam und untersuchte die Befestigungsmauer von Hattuscha. Bei der Freilegung der zentralen Toranlage im Süden der Stadt, dem sogenannten Sphinx-Tor, sicherte er Fragmente zweier durch Feuereinwirkung zerplatzte Sphinx-Figuren aus Kalkstein, die zu beiden Seiten des Tordurchgangs aufgestellt waren. Während des Ersten Weltkrieges wurden diese Bruchstücke zusammen mit zirka zehntausend Tontafeln zur Restaurierung nach Berlin geschickt. Die Keilschrifttafeln kehrten zwischen 1924 und 1987 in die Türkei zurück.

          Eine der beiden Sphingen, und zwar die besser und vollständiger erhaltene, wurde ebenfalls 1924 nach Istanbul gegeben, bezüglich der zweiten, die erheblich mehr Gips als Originalfragmente umfasste, teilte man der türkischen Seite mit, dass sie vereinbarungsgemäß in Berlin verbleiben, dort inventarisiert und dauerhaft im Pergamonmuseum aufgestellt würde. Dies blieb seinerzeit unwidersprochen. Erst im Jahre 1938 forderte die Türkei plötzlich auch die zweite Sphinx zurück, was von deutscher Seite seither abgelehnt wird. Papiere, die die Sicht der einen oder der anderen Seite belegen könnten, fehlen. Erschwerend kommt hinzu, dass viele Archivunterlagen der Berliner Museen im Krieg verlorengingen. Die Türkei kündigte mehrfach in den letzten Jahren neue Dokumente an, die ihren Anspruch beweisen würden. Was vorgelegt wurde, enthielt keine Belege für die türkische Sicht. Weitere Unterlagen dürfte es nicht geben.

          Größte Verdienste um die archäologische Erforschung Kleinasiens

          Bei der hethitischen Sphinx handelt es sich also um einen besonders kniffligen Fall, weil keine klärenden Unterlagen erhalten sind. Aufgrund der wenigen und sehr vagen Anhaltspunkte lässt sich keine wirklich begründete Entscheidung für oder gegen eine Rückgabe fällen. Nicht ohne Grund hat auch die Unesco, bei der die Türkei 2010 deswegen wieder vorstellig wurde, den Fall lediglich zu den Akten genommen, ohne sich zu positionieren, und hat beiden Seiten zu Gesprächen geraten. Somit gibt es für die deutsche Seite zunächst einmal keinen Grund, die bisherige Rechtsposition aufzugeben.

          Andererseits stellt sich jedoch die Frage, ob angesichts der besonderen Qualität und Geschichte der deutsch-türkischen Beziehungen dieser Fall nicht genutzt werden sollte, einmal ein Exempel der Offenheit zu statuieren und nach neuen, konstruktiven Lösungen zu suchen. Deutsche Archäologen graben seit Generationen an Fundorten, die zu den bedeutendsten der Türkei gehören. Sie haben sich damit größte Verdienste um die archäologische Erforschung Kleinasiens erworben. Umgekehrt schuldet die deutsche Archäologie der Türkei großen Dank für eine besondere Gastfreundschaft. Die jüngsten kritischen Äußerungen des türkischen Kulturministers Günay zur deutschen Archäologie schmerzen, weil sie unangemessen und unbegründet sind. So entsteht kein Klima, das die Suche nach guten Lösungen fördert.

          Rückgabe als freiwillige Geste der besonderen Verbundenheit

          Die türkische Seite muss wissen, dass sie eine Rückgabe der Sphinx bei der unklaren Faktenlage auch durch Drohungen nicht erzwingen kann. Aber sie kann auf deutscher Seite Offenheit für eine Rückkehr dieses Stückes erwarten, wenn sie bereit ist, diesen Einzelfall im Kontext einer umfassenderen Kooperation zwischen den Staatlichen Museen zu Berlin der Stiftung Preußischer Kulturbesitz und türkischen Museen zu sehen. Sie kann vieles umfassen: gemeinsame Ausstellungen, den Austausch von Leihgaben bis hin zu verstärkter Zusammenarbeit bei Restaurierungen, dem Anfertigen von Abgüssen und der wissenschaftlichen Bearbeitung von Sammlungsbeständen. Wenn sich Deutschland im Rahmen solcher Gespräche entschiede, die Sphinx nach Istanbul zu überführen, sollte das als freiwillige Geste der besonderen Verbundenheit zwischen unseren Völkern verstanden werden.

          Einvernehmliche Lösungen lassen sich nur dann finden, wenn sie für beide Seiten fair und gerecht sind. Die Türkei wäre also gut beraten, den konstruktiven Dialog zu suchen, auf den sich Deutschland dann aber auch ernsthaft einlassen muss.

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