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Rückgabe von Raubkunst : Der Schlussstrich

  • -Aktualisiert am

Der Kunsthistoriker Sir Norman Rosenthal fordert, die Restitution von NS-Raubkunst zu stoppen und die Vergangenheit ruhen zu lassen. Und begründet diese Forderung ausgerechnet mit seiner jüdischen Herkunft. Das ist, was man einen Widerspruch nennt.

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          Der Kunsthistoriker und Kurator Sir Norman Rosenthal hat gerade das gemacht, was sonst nur Königinnen in Märchen tun: uns vor eine unlösbare Aufgabe gestellt. Der erste Teil der Aufgabe, die er uns in einem Interview mit dem „Spiegel“ stellt, klingt relativ einfach. Jede Generation, so Rosenthal, müsse sich neu erfinden: „Was zählt, ist die Gegenwart. Wir alle müssen im Heute leben.“ Gut, die Geschichte soll also ruhen, insbesondere die der Raubkunst, denn – es ist der Anlass des Interviews – Rosenthal fordert, die Rückgabe von NS-Raubkunst zu stoppen. Keine Ansprüche mehr von jüdischen Erben, die Kunst soll bleiben, wo sie ist, im Museum. Rosenthal wird noch deutlicher: „Die Leute, die da mitverdienen wollen, erinnern mich an Aasgeier.“

          Der zweite Teil der Aufgabe ist nun schwieriger, denn Rosenthal will, dass wir seinem Aufruf besonderes Gehör schenken, weil er aus einer jüdischen Familie stammt und „als Jude öffentlich eine solche Meinung“ vertritt. Ach so? Noch einmal ganz langsam zum Mitdenken: Rosenthal möchte einerseits, dass jüdische Erben endlich die Geschichte ruhen lassen. Andererseits möchte er sich aber selbst als jemand äußern, der Familienmitglieder im Holocaust verloren hat. Wie lässt sich das verstehen? Die Geschichte verleiht Sir Norman Rosenthal besonderes Recht, anderen das Recht, sich auf die Geschichte zu beziehen, abzustreiten? Wenn also Rosenthal noch einmal in Anspruch nimmt, sich im eigenen Fall kurz der Vergangenheit zuzuwenden, dann nur, um die Tür mit einem umso größeren Wumms anderen vor der Nase zuzuschlagen. Er bezieht moralische Autorität aus seiner Familiengeschichte, andere sollen das aber nicht dürfen. Das ist, was man einen Widerspruch nennt.

          Für die Frage, warum Rosenthal für oder gegen Restitution ist, ist es weniger interessant, ob er jüdischen Glaubens ist, als vielmehr, dass er als Berater von Staaten im Mittleren Osten arbeitet, Abu Dhabi zum Beispiel. Im Team mit Thomas Krens, ehemaliger Direktor des Solomon R. Guggenheim Museums, und Nicolas Iljine, Direktor der Guggenheim-Abteilung „corporate development in Europe and the Middle East“, verdient er sein Geld damit, undemokratischen Staaten beim Aufbau prächtiger Kunstinstitutionen zu helfen. Restitutionsansprüche sind beim Entstehen solcher Sammlungen hinderlich. Im Interview allerdings erwähnt Rosenthal sein Leben im Heute als umtriebiger Kunstberater mit keinem einzigen Wort.

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