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Prozess um „Keinohrhasen“ : Rückendeckung für Drehbuchautorin im Streit mit Til Schweiger

Anika Decker und Til Schweiger 2009 beim Bayerischen Filmpreis Bild: dpa

Anika Decker hatte vor Gericht einen Sieg gegen die Produktionsfirma von Til Schweiger und Warner Bros. errungen. Jetzt legen beide Berufung ein – und der Verband Deutscher Drehbuchautoren stellt sich mit einem offenen Brief hinter die Klägerin.

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          Als die „Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung“ Anfang Oktober darüber berichtete, dass Anika Decker, Autorin der Drehbücher von Til Schweigers Filmen „Keinohrhasen“ und „Zweiohrküken“, Schweigers Produktionsfirma Barefoot und Warner Bros. verklagt hat, war schon klar, dass der Fall Signalwirkung für die ganze Filmbranche haben würde. Decker verlangt Auskunft über die mit den Filmen gemachten Umsätze und eine angemessene Beteiligung daran. In der ersten Instanz war sie damit erfolgreich: Das Landgericht Berlin begründet die Stattgabe der Klage in der ersten Stufe damit, dass „aufgrund des überdurchschnittlichen Erfolgs der beiden Filme Anhaltspunkte für einen möglichen Anspruch der Klägerin auf weitere Beteiligung bestünden“. Das Urheberrecht sieht vor, „eine ursprünglich angemessene Vergütung bei überdurchschnittlichem Erfolg nachträglich anzupassen“. 

          Julia Encke
          Verantwortliche Redakteurin für das Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Barefoot und Warner Bros. haben gegen dieses Urteil nun Berufung eingelegt. Das jedenfalls hat ein Pressesprecher beim Kammergericht Berlin gegenüber Anika Deckers Anwalt Nikolaus Reber bestätigt, nachdem die „Bild“-Zeitung darüber berichtet hatte. Die Berufungsbegründungen liegen bislang noch nicht vor.

          Angst vor schwarzen Listen

          Fast zeitgleich zur Berufung veröffentlichen der Verband Deutscher Drehbuchautoren, „Kontrakt 18“ und Mitglieder der Sektion Drehbuch der Deutschen Filmakademie ein Solidaritätsschreiben, das es in dieser Art tatsächlich noch nicht gegeben hat. Anika Decker sei nicht die erste Drehbuchautorin, die gemäß § 32a des Urheberrechtsgesetzes vor Gericht ihre Rechte auf angemessene Beteiligung erstreiten müsse, heißt es in der Erklärung. „Aber eines macht den Fall Anika Decker so besonders: bislang haben sich nur Kolleginnen und Kollegen solche Klagen zugetraut, die am Ende ihrer Karriere standen – oder mit dem Rücken zur Wand. Zu einem Zeitpunkt also, an dem sie keine Angst vor schwarzen Listen mehr zu haben brauchten. Autorinnen und Autoren, die sich dessen bewusst waren, fortan in der Branche als schwierig zu gelten, nur weil sie auf ihr gutes Recht bestanden.“

          Decker kämpfe nicht nur vor Gericht. Ihre Klage finde im Licht der Öffentlichkeit statt und in einer Phase großer Erfolge ihres künstlerischen Schaffens. Sie sei ein Sinnbild für ein neues Selbstverständnis und -bewusstsein der Generation moderner Drehbuchautorinnen und -autoren. Und sie riskiere zugleich ihre Existenz als Drehbuchautorin und Regisseurin.

          Starke, unverwechselbare Bücher

          Vor zwei Jahren, fast zur gleichen Zeit, als die Autorin ihre Klage gegen Barefoot und Warner Bros. einreichte, veröffentlichten 92 Drehbuchautoren unter dem Titel „Kontrakt 18“ ein Manifest, in dem sie sich über den mangelnden Respekt von Produzenten oder Redakteuren, dem sie sich seit Jahren ausgesetzt sahen, beschwerten. Die Unterzeichner forderten kreative Kontrolle bis zum Ende des Produktionsprozesses, öffentliche Anerkennung und ein Mitspracherecht bei der Auswahl der Regie. Mit dem Fall Decker gegen Barefoot und Warner Bros. kommt zu dieser Forderung jetzt beispielhaft die nach angemessener Beteiligung. Im Lauf der Zeit habe sie realisiert, sagt Anika Decker, dass sie über die Absatzzahlen der Filme und die Umsätze von Barefoot und Warner überhaupt nichts wisse. „Inzwischen ist mir klar: Das hat System. Ich kenne keine Drehbuchautoren, die mir sagen können, wie viel Geld zwischen den Firmen, die an einem Film beteiligt sind, geflossen ist.“

          Es seien die starken, unverwechselbaren Bücher, die die Grundlage von besonderen Kinofilmen, Serien und Fernsehfilmen bilden, heißt es in der Solidaritätserklärung. Und es müsse endlich Konsens der Branche sein, diese Werkleistung anzuerkennen und zu würdigen. „In Wertschätzung, die sich nicht nur, aber auch im Honorar ausdrückt, in Transparenz, in fairer Beteiligung und in fairer Zusammenarbeit auf Augenhöhe.“ Und es bleibe ein Skandal, dass Transparenz zwischen Vertragspartnern im Filmbereich weiterhin kostspielig und mit hohem persönlichem Aufwand und Risiko vor Gericht erstritten werden müsse.  

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