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Die Nullerjahre : In zehn Jahren lachen wir darüber

Zwei verspulte Seelen verlieren die Kontrolle, und das ist okay: Kate Winslet und Jim Carrey in „Eternal Sunshine of the Spotless Mind“. Bild: Picture-Alliance

Kaum gehen die zehner Jahre zu Ende, da sind uns die nuller schon historisch geworden. Zehn Jahre sind genug Abstand, um qualifiziert zu betrachten, wie alles losging mit dem Internet, dem Co-Working in Holzcafés, dem Streaming und dem Überwachungsstaat.

          7 Min.

          Vor ein paar Jahren loggte ich mich nach langer Zeit wieder auf der Website des E-Mail-Dienstes GMX ein, um meinen Account zu kündigen. Auf der Begrüßungsseite blieb ich an einem kleinen Hinweis kleben: „Sie haben Ihr Passwort zum letzten Mal am 5. 7. 1998 geändert.“

          Kolja Reichert

          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Moment. Das war achtzehn Jahre her. Ich musste auf einem sehr, sehr langen Trip gewesen sein. Wie eine Cartoonfigur, die merkt, dass sie über dem Nichts rennt, nachdem sie schon sehr lange über dem Nichts rennt, schaute ich zum ersten Mal zurück. Ich sah: ein Jahrzehnt, von dem mir gar nicht bewusst war, dass es stattgefunden hatte. Ein Jahrzehnt, das lange überhaupt keinen Namen hatte. Ein Jahrzehnt, an dessen Anfang ich vielleicht drei Passwörter hatte und an dessen Ende dreißig (beziehungsweise drei verteilt auf dreißig Accounts). An dessen Anfang ich das Gefühl hatte, ich hätte alles unter Kontrolle wie die Ordner in meinem Windows Explorer, meiner Kommandobrücke für die Erschließung einer neuen Welt, und am Ende gar nichts mehr. Ein Jahrzehnt, über das mir unser Nachrichtenarchiv auf Anfrage mitteilt: „In den letzten Jahren waren die nuller Jahre kein Thema.“

          Diese zuckenden, hüpfenden, schnalzenden Beats

          Dann sah ich die Nuller-Jahre-Playlist auf Spotify und hatte den totalen Historisierungsflash. Der sich ungebrochen zum Himmel aufschwingende Meisterwerksanspruch von Alicia Keys’ „Fallin“ (2001). Der schrille, stolpernde Sound von Hot Chip (2004) und Architecture in Helsinki (2005). Die eskapistischen Aufbruchshymnen der Fleet Foxes mit ihren langen Haaren, Bärten und Holzfällerhemden, Naturverbundenheitsträumereien für Cafés mit rustikalem Holzlook, wie sie sich von Brooklyn über die Innenbezirke der Welt ausbreiteten, als man noch nicht Gentrifizierung sagte. Missy Elliott, produziert von Timbaland. The Strokes. Im Rückblick hört man die Gemeinsamkeiten: Überall diese zuckenden, hüpfenden, schnalzenden Beats. Aufbruch ins Internet. Musik für den iPod.

          Wie man vor Spotify im Internet Musik gehört hat: Napster im Jahr 2000.

          Die Neunziger waren aus Erde und Asphalt. Die Nuller waren aus Holz, Touchscreens und rollbaren Office-Möbeln. Alles sollte sich bewegen. Man trank den Kaffee jetzt im Gehen und hörte Musik aus minimalistisch weißen Stöpseln. Die Technik war zum Anfassen. Internet war was Gutes.

          Irre. Wie vorbei das ist. Über diese flatternden Aufbrüche hat sich heute, von Migos über Beyoncé bis RIN, das Schweröl der Trap-Bässe aus der Opioidhölle Vereinigte Staaten gelegt, knisternd brutzeln die Hi-Hats.

          Am Anfang des Jahrzehnts gab es noch Subkulturen. Am Ende entdeckten wir, was für einen Spaß es machte, Korns „Freak on a Leash“ in Beyoncés „Crazy in Love“ zu mischen oder Britney Spears’ „Toxic“ in den Elektrometal von Justice. Auf dem „Melt!“-Festival unter den Schaufelradbaggern des Braunkohletagebaus Gräfenhainichen ließ Björk 2008 ihr Konzert in bollerndem Techno ausklingen, jede Rockband tat das auch. Ein paar Jahre vorher wären Trinkbecher geflogen. Jetzt begrüßte man das Aufgehen in einer kollektiven Intelligenz, was zum Wort der nuller Jahre passte, dem Schwarm. Plötzlich gab es keinen Stilbruch mehr, nur noch Vorsprung, der sich im virtuosen Einbezug des vormals Artfremden zeigte und im klugen Navigieren in Anspielungen vor offenem Bedeutungshorizont.

          Alle brauchten eine Homepage

          Spotify war, was ich mir in den nuller Jahren immer gewünscht hatte. Jahrelang hatten wir die zäh vorrückenden Fortschrittsbalken der Downloads auf Napster und Kazaa verfolgt, immer auf der Suche nach dem schnellsten Server. Dann hatten wir die MP3s auf CD-ROMs gebrannt, beschriftet und getauscht. Wir spielten Eigentum, aber das machte keinen Sinn. Wenn alles aus Daten bestand, weshalb sollten dann nicht alle auf dieselben Daten zugreifen?

          Weil es im Haus meiner Eltern keinen Fernseher gab, experimentierte ich früh mit Internetfernsehen, am Balkon hing eine der seltsamen Brückentechnologien jener Zeit, eine Satellitenschüssel, die mehr Bandbreite hatte als ISDN. Dank ihr sah ich die frauenfeindlichen Witze von Niels Ruf auf Viva Zwei am PC, und auch das brennende World Trade Center. 2008 bestand ein Freund darauf, die Flüge nach New York auf den 11. September zu legen. Aus Witz, aber es war auch billiger. Im neu erschlossenen Kreativbezirk „Dumbo“ riet uns ein Maler, an die Wall Street zu fahren und genau hinzuschauen, hier breche gerade alles zusammen. Ohne das wirklich zu verstehen, gingen wir in einer Spiegelung der allgemeinen Situation im „Per Se“ essen, dem New Yorker Restaurant von Thomas Keller mit Blick auf den Central Park. Mit jedem Wein sank ich tiefer in die Schulden.

          Am 11 September waren die Flüge billiger: Flüchtende Menschen auf den Straßen von Manhattan.

          Im Wahlkampf von 1998 hatten wir in Schwäbisch Gmünd Joschka Fischer gehört, alles fühlte sich wie Aufbruch an. In der „Spiegel“-Zentrale gratulierte uns Stefan Aust zur Auszeichnung im Schülerzeitungswettbewerb. Hamburg war, was ich mir als Zukunft wünschte, Journalismus, Werbung, Hauptsache irgendwas mit Medien. In der Medien-AG hatten wir eine sehr aufwendige CD-ROM gestaltet mit Texten und Videos über Betriebe in unserer schwäbischen Kleinstadt. Dann gründeten wir unsere erste Firma, sie hieß „into“ und warb mit dem Spruch „Die Welt entsteht im Kopf“. Wir sahen uns auf der vorteilhaften Seite eines Generationengrabens, Programmieren und Gestalten fiel uns leicht, und alle brauchten eine Website, nein, Homepage. Was uns fehlte, um uns gegen all die anderen programmierenden Siebzehnjährigen durchzusetzen, war der unternehmerische Ernst. Als unser CEO, der Einzige, der schon richtig studierte, von einem Praktikum bei McKinsey zurückkam und erklärte, man würde künftig alles mit dem Handy machen, und er habe eine vielversprechende Geschäftsidee, nämlich eine Navigationssoftware, die einem nahgelegene Geschäfte und Restaurants anzeige (also das, was dann Google Maps wurde), stieg der kreative Kern aus.

          Es war das Jahrzehnt des Nerds

          Nachdem wir drei Jahre in die Entwicklung eines sozialen Netzwerks für Amateurmusiker gesteckt hatten, mit jeder neu auftauchenden Programmiersprache alles überarbeitend, und dann plötzlich Facebook da war, gaben wir auf. Es sollte „myousician“ heißen. Heute gibt es ein soziales Netzwerk für Amateurmusiker mit dem Namen „yousician“. Das ist natürlich der bessere Name. Ich glaube, wir haben damals alle noch komplizierter gedacht. Weniger gleitend. Mehr in die Tiefe. Man wollte alles erfassen, kategorisieren, einsortieren, beschriften. Bis es nicht mehr ging. Dann sagten wir nachts auf der Tanzfläche der „Panorama Bar“ das David-Hockney-Zitat aus Christian Krachts „Der gelbe Bleistift“ auf: „Surface is an illusion, but so is depth.“

          Als in Berlin noch viel Platz für all die Egos war: Panoramabar im Jahr 2003.

          Berlin war leer. Alle Egos hatten Platz. Wir stemmten uns bei minus acht Grad gegen den über den Alexanderplatz drückenden Ostwind, auf der Suche nach dem WMF. Wir brauchten keinen Plan. Es war das Jahrzehnt des Nerds. Sein Held war die nachts Wikipedia-Einträge (2001) korrigierende Nischenbegabung. Wir hatten eine Lesebühne, auf der wir alle zwei Wochen nerdige Kurzgeschichten vorlasen, in Strandbars, die jetzt überall am Spreeufer entstanden. Meist ging es um uns. Bis einer von uns anfing, über ein kommunistisches Känguru zu schreiben. Damit wurde er berühmt.

          Alle waren Celebrities, keiner war ein Star

          Dass man keinen Plan braucht und einfach Sachen macht, das war das kulturelle Versprechen der nuller Jahre. Im Internet war ja Platz, und zum ersten Mal in der Geschichte hatte jeder alles zu Hause, was er brauchte, um einen Film zu produzieren oder ein Magazin zu gründen. Das Wort vom Bedroom Producer machte die Runde, Leute, die am Laptop ein Album aufnahmen, es auf Youtube (2006) stellten und berühmt waren, ohne sich vorher umzuziehen. Es waren nicht unbedingt mehr Leute berühmt als vorher, aber sie sahen jetzt anders aus, wie normale Leute. Jetzt waren alle Celebrities und keiner mehr ein Star. Das nahm Madonna ihren USP. Gleichzeitig wuchsen ihre Oberarme. Auch die neue First Lady trug Oberarme. Robyn trug Waschbrettbauch. Die Sängerin Beth Ditto trug Fett und zerschlug den Kate-Moss-Komplex. Männer wurden weich wie David Beckham oder ihre neuen Bärte, junge Frauen nannten ihre Affären Boytoy, Lady Bitch Ray empfahl Mädchen so aggro aufzutreten wie die Jungs, und kurz dachte man, damit sei jetzt zwischen den Geschlechtern alles auf einem guten Weg.

          Verschmelzung zweier Marken: Britney Spears und Madonna bei den MTV Video Music Awards 2003.

          Die Musikindustrie brach zusammen. Sie stand als Konzertindustrie wieder auf. Die Ticketpreise verdoppelten sich. Die vergessenen Klassenkameraden meldeten sich über StudiVZ. Man sah zu, wie man ein Netzwerk wurde, das schien schon in sich eine sinnvolle Sache. Jeder kam jetzt in den Genuss des Privilegs von Journalisten, nämlich in zwei Welten zugleich zu sein, der Welt und den Medien (damals ergab diese Unterscheidung noch Sinn). Second Life wurde Real Life. Das Private suppte ins Öffentliche. Elon Musk, der jede private Eskapade in PR verwandelt, löste den über den Dingen schwebenden Steve Jobs als kulturelle Leitfigur ab.

          Die Welt wurde flach. Jede Bewegung ging in die Breite, in die Vernetzung. Die dominierende Produktionsform war das Featuring: Madonna feat. Britney Spears (2003). Madonna feat. Justin Timberlake (2008). Takashi Murakami feat. Louis Vuitton (2003). Das Featuring produziert im Grunde nichts außer einem interessanten Funkenschlag zwischen zwei Marken, und das ist ja eigentlich die Hauptsache, die seither produziert wird.

          Der Staat schützte uns nicht

          2008 fand der Personal Computer zur Vollendung, im MacBook Air, das in einen Briefumschlag passte. Doch kaum hatte der Mensch die perfekte Maschine, kehrte sich das Verhältnis um. Mein MacBook Air von 2014 war zwar von mir bezahlt, aber nicht für mich gemacht, das spürte ich gleich. Es wollte Daten. Wenn ich es öffnete, zeigte die Uhr noch die Zeit, zu der es das letzte Mal heimlich nach Hause gefunkt hatte.

          Das Jahrzehnt endete im Juni 2013 mit den Snowden-Leaks. Wir waren keine Pioniere, die sich endlos ungesehen in einer neuen Welt verlieren durften. Wir waren Fische im Netz. Alles Nette und Schöne, das wir gemacht hatten, das ganze große ästhetische Verfeinerungs- und Ausdifferenzierungsprogramm war nichts gewesen als die Verdrahtung unseres Innersten mit den Algorithmen der Marketing- und Regierungsagenturen. Wir waren die Produzenten und Konsumenten und das Produkt. Der Staat schützte uns nicht. Und wir wehrten uns nicht, weil wir viel zu beschäftigt damit waren, in diesem Menschen-Daten-Kultur-Amalgam, in dem alles mit allem zusammenhing, unsere Stellung zu halten.

          Als wir verstanden, dass das Internet nicht nur schöne neue Möglichkeiten bietet: Edward Snowden, 2013.

          Der Film der nuller Jahre war „Eternal Sunshine of the Spotless Mind“ von Michel Gondry (2004): Kate Winslet lässt Jim Carrey wegen einer Beziehungskrise aus ihrem Gedächtnis löschen, Jim Carrey tut das Gleiche, dann verlieben sie sich wieder ineinander. Unterwegs spinnt die Technik. Zwei verspulte Seelen verlieren die Kontrolle, und das ist okay. Sie flirten im Buchladen (!), reisen rückwärts durch ihre Erinnerungen, blasen Dampf über die Kaffeetasse, und Beck raunt verträumt: „Everybody’s gotta learn sometime“.

          Der Film der endenden zehner Jahre, Noah Baumbachs „Marriage Story“, ist wie die dunkle Fortsetzung: Scarlett Johansson (auch Nuller) reicht die Scheidung ein und zerrt Adam Driver in eine juristische Eskalationsspirale. Jeder Schritt hat unabsehbare Konsequenzen, jede Erinnerung wird bepreist, jede Gemeinsamkeit zum strategischen Einsatz, jede Annäherung geschieht unter Vorbehalt. Alles bis in die letzte Pore registriert in 4K UHD.

          In „Eternal Sunshine of the Spotless Mind“ konnte man sich träumend verlieren. In „Marriage Story“ fühlt man sich angeschaut. Und so ist es ja. Wir denken, wir schauen Netflix. Aber eigentlich schaut Netflix uns. Und Spotify spielt am Ende der Playlist einfach weiter, in geglückten Improvisationen auf unseren Geschmack.

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