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Rowohlt zieht um : Leere Süffisanz

  • -Aktualisiert am

Taugt so ein Biber als Wappentier? Überlegungen zum Rowohlt-Umzug ins Bieberhaus. Bild: Picture-Alliance

Der Rowohlt-Verlag zieht in seine neuen Räume im Hamburger Bieberhaus. Bei seinem ersten öffentlichen Auftritt hat sich der neue Verleger ganz für die Rolle eines karnevalistischen Conferenciers entschieden.

          Die Antrittsrede des neuen Rowohlt-Verlegers Florian Illies wirkte parodistisch. Ob immer mit Absicht und wenn ja, mit welcher, war nicht leicht zu entscheiden. Im Publikum des Hamburger Schauspielhauses, wo die Einweihung des direkt gegenüber gelegenen neuen Verlagssitzes in der Kirchenallee gefeiert wurde, hörte man teils Lacher, sah aber auch viele rätselnde Mienen.

          Was hatte es damit auf sich, dass der neue Chef angesichts des Einzugs ins 1909 erbaute Bieberhaus minutenlang über die Tauglichkeit eines Bibers als Wappentier sowie über dessen Geschlechtsteile laut nachdachte, und den Zuhörern riet, sich derweil auszuklinken bis zum Sektempfang? Dass er seinen Vorgänger Ernst Rowohlt als „das letzte Säugetier, das außerdem ein Nagetier war“, bezeichnete? Dass er sagte, die „Brennelemente des Rowohlt-Verlags“ seien „immer auf dem Weg zur nächsten Wiederaufbereitungsanlage“, just nachdem der Hamburger Kultursenator in einer ansonsten durchaus witzigen Rede von „neuen Impulsen für die Stadt“ gesprochen hatte?

          Betriebsversammlung im Ohnsorg-Theater

          Einerseits erfreulich, dass in einer Branche, in der sonst von den Verantwortlichen meist nur zu hören ist, wie großartig etwas war oder werden soll, jemand mal etwas anderes von sich gibt als Floskeln. Und mutig sogar, den Konzernoberen der Holtzbrinck-Gruppe, die in der ersten Reihe saßen, ihre direkt zuvor von Stefan von Holtzbrinck geäußerten Hoffnungen auf „doppelten Umsatz“ um die Ohren zu hauen nebst süffisanten Kommentaren über Rowohlts Bestseller-Stützen Rosamunde Pilcher und Jojo Moyes sowie über Begrenztheit des neuen Verlagsdomizils, in dem man Betriebsversammlungen künftig im Ohnsorg-Theater, das sich im Erdgeschoss befindet, abhalten müsse.

          Aber andererseits auch seltsam, dass Illies bei seinem ersten öffentlichen Auftritt sich ganz für die Rolle eines karnevalistischen Conferenciers entschied, dessen meist maue Pointen keine satirische Position über allem, sondern eher jenseits von jedem suggerierten. Und zudem vermessen, dass er beim Spotten etwa über die Piefigkeit des ehemaligen Verlagssitzes in Reinbek so tat, als habe er dort selbst mehr als bloß ein paar Wochen gewirkt. So hatte sein Auftritt auch etwas von einem Demotivationstrainer, etwas Deprimierendes.

          Am Schluss stand ein bedeutungsschwangerer Verweis auf Stürme, die aufziehen. Was hat das alles zu bedeuten? Ein paar Monate erst sind seit der umstrittenen Freistellung der ehemaligen Rowohlt-Verlegerin Barbara Laugwitz durch Holtzbrinck vergangen, und nun benimmt sich ihr Nachfolger, als lohne es gar nicht, neu anzufangen? Oder war das wirklich nur eine alle Erwartungen wie auch vorauseilende Kritik unterlaufende Understatement-Vorführung im Sinne des Hamburgers Helmut Schmidt, „Wer Visionen hat, sollte zum Arzt gehen“?

          Jan Wiele

          Redakteur im Feuilleton.

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