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Verlagsstandort Reinbek : Rowohlt-Rotation

Reinbek ist idyllisch, hat aber als Verlagsstandort keine Zukunft. Bild: Picture-Alliance

Der Rowohlt Verlag kehrt Reinbek bei Hamburg den Rücken. Jetzt bleiben dem Ort nur noch das Unternehmen Lutz Aufzüge und die Reinbeker Herbst- und Sommersause.

          Hand aufs Herz: Was fällt Ihnen zu Reinbek ein? Natürlich der Rowohlt Verlag. Seit in der schleswig-holsteinischen Kleinstadt 1960 die berühmten Rotationsmaschinen zu arbeiten begannen und in jedem der damals höchst populären rororo-Taschenbücher (und natürlich auch in den gebundenen Ausgaben von Autoren wie Camus, Sartre, Pynchon, Updike, Auster, Morrison, Jelinek oder Kehlmann) als Publikationsort „Reinbek bei Hamburg“ stand, war diese Adresse eine der bekanntesten in ganz Deutschland und auf jeder imaginären Landkarte der Weltliteratur ebenso Fixpunkt wie in zahllosen Literaturverzeichnissen akademischer Provenienz.

          Wobei der Zusatz „bei Hamburg“ schon immer ein Problem signalisierte: Er zeugte nicht nur vom Bemühen, neben global bedeutenden Schriftstellern auch ein metropolitanes Umfeld zu bieten, sondern auch vom schlechten Gewissen des Hauses, Hamburg den Rücken gekehrt zu haben. Denn bevor Rowohlt nach Reinbek zog, hatte man in der Hansestadt residiert, und gegründet worden war der Verlag ohnehin dreimal woanders: erst 1908 in Leipzig, dann nach seiner Schließung wieder 1919 in Berlin und 1945 schließlich noch einmal neu in Stuttgart, bevor es von dort nach Hamburg ging. Alle diese Städte hatten große Verlagstraditionen, nicht so Reinbek. Das profilierte sich vielmehr auf diebische Weise: indem es dem nahen Hamburg erst Rowohlt und dann 1965 auch den Carlsen Verlag abspenstig machte – „Gewerbesteuerhebesatz“ hieß dabei das denkbar unliterarische Zauberwort.

          Doch die Magie niedrigerer Kosten hält nicht ewig: Carlsen zog schon 1989 zurück nach Hamburg, und nun verlässt auch Rowohlt Reinbek, wie man dem dortigen Lokalblatt von gestern entnehmen musste, das nicht einmal aus Reinbek stammt, sondern als „Bergedorfer Zeitung“ firmiert, mithin also selbst aus Hamburg kommt. Das ist das genannte Problem: Eine Metropole lässt fürs Umfeld nichts übrig. Als Suhrkamp aus Frankfurt ins ferne Berlin umzog, blieben der Stadt am Main immerhin noch Imagefaktoren wie Goethe, der Flughafen, das Städel, die Börse, die Europäische Zentralbank oder die Grüne Sauce – alles Frankfurter Institutionen, die im Zweifelsfalle größeren Ruhm beanspruchen durften als Suhrkamp. Wie aber steht es um Max Kruse, den S-Bahnhof, das Museum Rade, das Unternehmen Lutz Aufzüge, die Volksbank Stormarn oder die Reinbeker Herbst- und Sommersause? Kann irgendetwas davon mit Rowohlts Ruhm konkurrieren? Kruse als Fußballstar wohl noch am ehesten. Den hätte Hamburg gewiss auch gern. Aber es fände ihn nicht in Reinbek bei Hamburg.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

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